Chupacabra: Survive the Night

CHUPACABRA: SURVIVE THE NIGHT
Autor: David Blanchard, Brian Frodema, John Jacobsen
Verlag: Steve Jackson Games
2-4 Spieler, ca. 10 min, ca. 20 EUR

Dosenbecher oder Becherdose?

Dosenbecher oder Becherdose?

Wer glaubt, Legenden um Kreaturen wie Werwölfe oder Harpyien könnten nur im finsteren Mittelalter entstanden sein, unterschätzt den nicht auszurottenden Aberglauben einerseits und den unbedingten Willen der sogenannten Kryptozoologen, dass es “Monster” wie Nessie und Konsorten einfach geben *muss*.

So ist denn z.B. der Mythos vom Chupacabra, zu schlecht Deutsch “Ziegensauger”, vergleichsweise modern und erst in den letzten 10-20 Jahren so wirklich “hoffähig” geworden. Der Lore nach ansässig in Mittelamerika und der Karibik (die meisten Berichte stammen aus Mexiko, wobei auch Puerto Rico eine Historie an Chupacabra-Sichtungen für sich reklamiert), handelt es sich bei dem Chupacabra um ein ungefähr wolfsgroßes, haarloses Untier, das sich bevorzugt – wie der Name schon sagt – an Ziegen, Schafen und ähnlichem Nutzvieh zu schaffen macht. Dieweil die erwähnten Pseudowissenschaftler in jeder Sichtung den Beweis für die Existenz einer bislang unbekannten monströsen Spezies sehen (die auch die Vorlage für so manchen schlechten Horrorfilm wie den von der Mockbuster-Klitsche Asylum realisiserten “Mexican Werewolf” liefert), sind sich diejenigen Wissenschaftler, die sich der seriösen Aufarbeitung der Vorfälle gewidmet haben, übereinstimmend der Meinung, dass es sich bei den Monstern schlicht um verwilderte Hunde handelt, die aufgrund einer räudeartigen Krankheit ihr Fell verloren haben. Dass Wuffi sich irgendeinen Virus eingefangen hat und aus purem Kohldampf Ziegen reißt, ist natürlich nicht halb so spannend wie die Mär vom garstigen Mutantenmonster…

Nun, die realen Hintergründe der Legende müssen uns heute auch nicht großartig interessieren, wenn wir uns mit “Chupacabra: Survive the Night”, dem jüngsten Mitglied von Steve Jacksons von “Zombie Dice” begründeten Produktfamilie der fixen Massenwürfeleien befassen wollen. Jackson entwickelte das Spiel dabei nicht selbst, sondern lizenzierte ein zunächst von dem kleinen Publisher Haywire herausgebrachtes Spiel neu und packte es in eine der von “Zombie Dice” bekannte Würfelbecherdosen.

Der Spieler von Welt erhält damit insgesamt 24 identische Spezialwürfel, die anstatt Augenzahlen Symbole für Hühner (1 oder 2), Ziegen, Kühe oder eben Chupacabras (symbolisiert durch ihre rotglühenden Augen) aufweisen. Jeder Spieler erhält nun sechs dieser Würfel (bei weniger als vier Spielern werden also nicht alle Würfel gebraucht). Die gestellte Aufgabe ist es nun, am Ende des Spiels alle Würfel im Besitz zu haben, indem man mit Chupacabras das herkömmliche Viehzeug der Gegenspieler “frißt”.

Ein ganzes Rudel wilder Würfel

Ein ganzes Rudel wilder Würfel

Das funktioniert so: alle Spieler würfeln gleichzeitig mit allen ihren Würfeln (es empfiehlt sich dabei, so zu würfeln, dass man nicht mit den Würfeln der Mitspieler ins Gehege kommt) und sortieren ihr Würfelergebnis nach Symbolen – alle Hühner bilden eine Gruppe, alle Ziegen und alle Kühe. Wer mindestens einen Chupacabra gewürfelt hat, kann einen Mitspieler angreifen und ihm Tiere wegfressen. Ein Chupacabra kann bis zu zwei Hühner oder eine Ziege reißen, um eine Kuh zu mampfen, braucht’s zwei Chupacabras. Der Haken dabei – die Chupacabras können nur eine ganze Gruppe angreifen. Man braucht also genügend Chupacabras, um alle Tiere einer Art fressen zu können – aus z.B. einer Gruppe von fünf Hühnern nur zwei zu fressen, weil man nur einen Chupacabra gewürfelt hat, funktionier demnach nicht. Hat man genügend Chupacabras gewürfelt, kann man auch mehrere Gruppen, auch von verschiedenen Spielern, angreifen. Eine Verteidigungsmöglichkeit gibt es nicht – strength liegt in diesem Falle schlicht und ergreifend “in numbers”, je mehr gleiche Tiere man erwürfelt, desto schwieriger ist es für den oder die Gegner, erfolgreich anzugreifen.

Die erbeuteten Würfel wandern in den eigenen Würfelbestand (sind aber in der aktuellen Runde sicher und sollten daher separat gelegt werden) und werden in der nächsten Runde mitgewürfelt. Gespielt wird, wie schon angedeutet, nicht auf Punkte, sondern nach dem “last man standing”-Prinzip, wer alle im Spiel befindlichen Würfel erobert hat, ist Sieger, player elimination ist nicht nur möglich, sondern zwingend. Als kleinen catch-up-Mechanismus haben sich die Autoren die “Chupacabra loco”-Regel einfallen lassen. Wer ausschließlich Chupacabras würfelt (solange er mindestens noch zwei Würfel hat), kann eine beliebige Gruppe eines Gegenspielers attackieren, ohne die notwendige Chupacabra-Anzahl haben zu müssen (z.B. kann also ein Spieler, der nur noch zwei Würfel hat und mit beiden Chupacabras würfelt, auch eine Herde von vier Kühen erobern).

Interessant ist dabei, dass “Chupacabra”, im Gegensatz zu “Zombie Dice” und Konsorten, ohne jegliche push-your-luck-Komponente auskommt. Entweder man kann mit seinem Wurf was anfangen oder eben nicht – Nachbesserungen durch Rerolls oder sonstige Würfeleffekte sind nicht möglich. Bei nur zwei Spielern kann das also auch recht fix erledigt sein, mit ein wenig Würfelglück bzw. -pech hat man den Gegner schon nach drei Würfen komplett kahlgefressen. Spielt man zu dritt oder zu viert, kommt dann doch auch eine leichte taktische Komponente ins Spiel, als man da überlegen kann, ob man die potentiell mampfbare Gruppe eines abgeschlagenen Gegners tatsächlich angreift oder lieber die kleinere Herde einees unmittelbaren Konkurrenten attackiert, um dessen Würfelbestand zu lichten.

Das Regelblatt

Das Regelblatt

“Chupacabra” spielt sich, wie sich das gehört, sehr schnell – mehrere Runden am Stück sind kein Problem, alternativ lässt sich das Spiel auch als Tie-Breaker oder Startspieleraustüftler verwenden. Und nicht vergessen wollen wir natürlich das Spezialgimmick – die Würfel leuchten im Dunklen, was “Chupacabra” zu einem der wenigen Spiele (nicht jugendfreie Spielereien mal ausgenommen), die man auch im Darkroom zocken kann (allerdings hält der Leuchteffekt nur 10 bis 15 Minuten vor, danach brauchen die Würfel wieder 30 Minuten unter einer Lichtquelle. Für ein-zwei Spiele kann das aber reichen).

Im Import (noch hat sich Pegasus keiner Lizenzausgabe angenommen) ist das Spiel mit 20 Euro nicht gerade supergünstig, was “Dosenspiel”-Komplettisten vermutlich nicht abschrecken wird. Mir persönlich ist das Gameplay, gerade bei zwei Spielern, etwas *zu* simpel, da gefällt mir das push-your-luck-Prinzip von “Zombie Dice”, “Martian Dice” oder “Trophy Buck” deutlich besser, auch wenn “Chupacabra” natürlich den Vorzug hat, dass durch das simultane Spiel (auch das “Fressen” kann gleichzeitig erledigt werden, weil die erbeuteten Würfel ja erst mal sicher sind – man muss halt nur darauf vertrauen, dass der oder die Gegner fair spielen) keinerlei Downtime aufkommt.

An den Komponenten gibt’s, Steve-Jackson-typisch, nichts auszusetzen, die Spielanleitung ist auch weitgehend makellos (die einzige nicht eindeutig beantwortete Frage ist die,ob “Chupacabra loco” auch in Kraft ist, wenn man nur noch einen Würfel zur Verfügung hat. Persönlich glaube ich, dass, wie ich’s oben beschrieben habe, die Regel nur Sinn ergibt, wenn man mindestens zwei Würfel hat, aber das Regelblatt drückt sich in der Hinsicht nicht exakt so aus).

Berühmte letzte Worte: ein netter Würfel-Quickie für Zwischendurch, der aber, denke ich, nicht ganz die Replayability von “Zombie Dice”, “Martian Dice” oder “Trophy Buck” mitbringt. Würfelfetischisten sollten das Ding aber – allein schon wegen der Leuchtwürfel, zu denen man sich sicher auch individuelle Regeln basteln kann – mal ankucken.

dice6dice1

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