Hollywood

HOLLYWOOD

Autor: Nikolay Pegasov
Verlag: Hobbyworld
2-6 Spieler, ca. 30 min, ca. 30 EUR

Hollywood - Die Box

Hollywood – Die Box

Es wird langsam Zeit darüber zu berichten, was es auf der SPIEL 2014 so schönes gab und mit dem Schreiber dieser Zeilen mit nach Hause fahren durfte. Wobei… “Hollywood” hätte ich nicht auf der SPIEL besorgen müssen, es war einer meiner zahlreichen Kickstarter-Pick-ups auf der diesjährigen Messe. Wie wir alle schon seit “Movie Trailer” wissen, halte ich nach guten Spielen zum Thema “Film” immer Ausschau und wiewohl “Hollywood” erst mal keine revolutionär neuen Mechaniken verwendet, so ist es doch eine so interessante Kombination bewährter Methoden, dass sich ein genaueres Hinschauen zumindest für mich allemal lohnte. “Hollywood” ist mal wieder ein Spiel über das Thema Filmproduktion – wir schlüpfen also als Spieler in die Rolle eines von sechs großen Filmstudios mit dem Ziel, den größtmöglichen Reibach aus unseren Zelluloiderrungenschaften zu schlagen. Verständlicherweise kann sich das die russische Spieleschmiede Hobbyworld (darf man heutzutage überhaupt noch russische Firmen unterstützen? Fragjanur) keine Lizenzgebühren leisten, daher spielt man mit generisch nach Farben benamten Studios, aber die verwendeten Logos lassen keinen Zweifel daran, dass man mit den leicht abgewandelten Äquivalenten von Industriegrößen wie Disney, Dreamworks, Fox oder Universal spielt.

Das Spielmaterial

Das Spielmaterial

Grundsätzlich handelt es sich um ein Kartenspiel – der Spielplan dient nur als Geld- und damit Siegpunktanzeiger (okay, er positioniert noch die Kartenauslage). Die Karten unterscheiden sich zunächst mal in drei grundsätzlich unterschiedliche Kartenarten – “Basiskarten”, “Starkarten” und “wertlose Drehbücher”. Unsere Aufgabe ist es am Ende des Tages, aus einer Hand von neun Karten einen oder mehrere (maximal drei) Filme zu destillieren. Wie funktioniert das nun? Nun, als erstes gilt es den Startspieler der jeweiligen Runde, der einen nicht zu unterschätzenden Vorteil hat, auszuknobeln. Damit das nicht nach dem Zufallsprinzip ausgewürfelt werden muss, wird diese Position meistbietend versteigert. Man startet mit einem Kapital von 12 Millionen. Dieses Kapital kann man durch Gebotskarten nun einsetzen – man kann 1, 3, 6, 9 oder 12 Millionen bieten (Kombinationen sind nicht erlaubt). Der Meistbietende wird Startspieler, aber alle Bieter (und man MUSS bieten) sind ihren jeweiligen Einsatz los (im Fall mehrerer gleichhoher Gebote gehen die betreffenden Spieler in eine weitere Bietrunde – sie dürfen aber natürlich nicht mehr Geld einsetzen als sie noch auf dem Konto haben).

Es ist angerichtet...

Es ist angerichtet…

Nun erhält jeder Spieler sieben Basiskarten – das können SchauspielerInnen, Regisseure, Drehbücher oder diverse Crewmitglieder wie Stuntmen, Make-up-Designer oder Komponisten sein. Der Startspieler deckt – abhängig von der Spielerzahl zwei bis fünf – Starkarten (prinzipiell die gleichen Kartentypen wie die Basiskarten, nur “stärker” bzw. wertvoller) auf und legt sie offen aus, dann sieht er sich die obersten Karten (so viele wie Mitspieler teilnehmen) des verbleibenden Starkartenstapels an, sucht sich eine aus und verteilt die anderen nach Gutdünken an die Mitspieler. Damit hat jeder Spieler schon mal acht Karten, aber das sind noch lange nicht die, mit denen er arbeiten darf und soll. Nun kuckt sich jeder Spieler aus seinen Basiskarten eine aus, die er unbedingt behalten möchte, die restlichen Basiskarten werden an den linken Nachbarn abgegeben, dafür erhält man die vom rechten Nachbarn. Wieder sucht man sich eine Karte aus, gibt den Rest weiter usw., bis nach sechs Runden des fröhlichen Kartenringelreihen alle Karten verteilt sind und man seine endgültigen acht Karten auf der Hand hat. Aber, lieber Doc, hör ich euch sagen, du sagtest doch, man hat neun Karten zur Verfügung?

Meine Handkarten nach der Austauschphase - drei Regisseure sind ein bisschen viel und nur eine Schauspielerin ein bisschen wenig. Mal sehen, was die Auktion bereit hält.

Meine Handkarten nach der Austauschphase – drei Regisseure sind ein bisschen viel und nur eine Schauspielerin ein bisschen wenig. Mal sehen, was die Auktion bereit hält.

Stimmt, und wir erinnern uns daran, dass der Startspieler Starkarten offen ausgelegt hat. Nun werden diese Karten versteigert – das Prinzip ist das gleiche wie bei der Auktionierung der Startspielerposition, nur, dass nunmehr auf die Karten geboten wird. Man bietet verdeckt Betrag UND Position der Karte, die man haben möchte – eine der offen ausliegenden oder, falls da nichts dabei ist, was einem gerade wirklich in die Karten spielt, auf einen Glückstreffer aus dem verdeckten Reststarkartenstapel. Sobald jeder Spieler erfolgreich eine Karte ersteigert hat, beginnt die Interaktionsphase. Im Grundspiel (wie jedes verdammte Spiel heutzutage ist auch “Hollywood” natürlich auf Erweiterungen angeleegt) geht’s hier nur darum, “Agenten” auszuspielen. Wer einem Gegenspieler einen Agenten aufdrückt, kann einen Schauspieler, ein Regisseur oder ein Drehbuch von diesem “abwerben” (das Opfer darf sich allerdings aussuchen, was davon er hergeben mag), was auch bedeutet, dass der so Gepiesackte mit einer Karte weniger auskommen muss, da der Agent selbst in einem Film nicht eingesetzt werden kann. Ist auch dieser Abschnitt mit dem zu erwartenden Heulen und Zähneklappern vorübergegangen, kann nun endlich produziert werden.

Es gibt einen Star-Schauspieler - für den biete ich mal sicherheitshalber neun Millionen. So hoch zu bieten wäre nicht nötig gewesen, weil mein Konkurrent auf den "Blindstapel" geboten hat.

Es gibt einen Star-Schauspieler – für den biete ich mal sicherheitshalber neun Millionen. So hoch zu bieten wäre nicht nötig gewesen, weil mein Konkurrent auf den “Blindstapel” geboten hat.

Jeder Film braucht mindestens einen Regisseur, einen Schauspieler und ein Drehbuch. Hat man kein Drehbuch auf der Hand, kann man sich damit behelfen, eine beliebige Karte gegen ein “wertloses Drehbuch” (der dritte Kartensatz) auszutauschen, um überhaupt in die Pötte kommen zu können. Grundsätzlich gilt: aus je mehr Karten ein Film besteht, desto mehr wird er einspielen – so kann man einem Film z.B. einen zweiten Schauspieler hinzufügen, was um so wertvoller ist, ist der zweite Schauspieler anderen Geschlechts. Starkarten haben die nette Eigenschaft, zumeist einen lukrativen monetären Bonus mitzubringen, und mit den Crewkarten kann man nicht nur seinen Film “vergrößern”, sondern auch verschiedene Kombo-Effekte abräumen, die den Wert eines Films erheblich steigern können. Die Filme werden dabei “offen” produziert, d.h. offen ausgelegt, und couragiertes Nachkucken, was genau die Gegenseite so vor hat und darauf zu reagieren, ist durchaus erlaubt und erwünscht. Es geht nun allerdings nicht nur darum, möglichst viele Karten auszulegen, sondern dabei auch noch auf Zusatzeigenschaften zu achten. Jeder Film soll einem Genre angehören – zur Auswahl stehen Krimi, Action, Liebesfilm und Komödie, repräsentiert durch Symbole, die sich auf jeder Karte finden. Manche Karten sind Spezialisten für ein spezielles Genre, andere Multitalente und Allrounder. Der Wert eines Films (eine Million pro Karte plus die diversen Kartenboni) steigert sich mit der Anzahl der Genre-Symbole, für die man sich entschieden hat. Hat man also z.B. einen Film mit sechs Karten produziert und dabei vier Krimi-Symbole, bringen die Symbole einen Bonus von schlappen 16 Millionen. Es kann sich also durchaus lohnen, einen kleinen Film, der nur seinen Grundwert von 3 Mio. einspielen würde, auszulassen, wenn man dafür den dort eingesetzten Schauspieler Symbol-sei-dank auch noch in seinen großen Actionfilm einspannt (natürlich kann man auch genrefremde Karten in seinen Film packen, aber wer will schon Steven Seagal in einer Liebesschnulze sehen?).

Mein Film - obwohl mein Regisseur darauf nicht spezialisiert ist, wird es ein Liebesfilm (dafür habe ich drei Symbole). Das Schauspielerpärchen bringt mir ebenso einen Bonus wie die "Extras", die für jede grüne Crewkarte eine Zusatzmillion spendieren. Stuntman, Regisseur und Starschauspieler steuern ebenfalls noch Boni bei, so dass mir der Film letztlich 29 Millionen einbringt (6 Karten zu je 1 Mio. x 3 für das Genre, 7 Mio. Boni für die Stars, 2 Mio. Bonus für das Schauspielerpärchen und 2 Mio. Bonus für die grünen Crewmitglieder). Allerdings hat der Film nur eine Trophäe und wird bei der Verleihung des Film-des-Jahres-Preises wohl leer ausgehen.

Mein Film – obwohl mein Regisseur darauf nicht spezialisiert ist, wird es ein Liebesfilm (dafür habe ich drei Symbole). Das Schauspielerpärchen bringt mir ebenso einen Bonus wie die “Extras”, die für jede grüne Crewkarte eine Zusatzmillion spendieren. Stuntman, Regisseur und Starschauspieler steuern ebenfalls noch Boni bei, so dass mir der Film letztlich 26 Millionen einbringt (6 Karten zu je 1 Mio., 9 Mio. für das Genre – drei Herz-Symbole -, 7 Mio. Boni für die Stars, 2 Mio. Bonus für das Schauspielerpärchen und 2 Mio. Bonus für die grünen Crewmitglieder). Allerdings hat der Film nur eine Trophäe und wird bei der Verleihung des Film-des-Jahres-Preises wohl leer ausgehen.

Sind alle Spieler mit ihrer Auslage zufrieden, wird ausgewertet. Neben der Monetenwertung wird dabei auch noch der “Film des Jahres” ausgeknobelt. Einige Karten tragen neben ihrer Bezeichnung und dem Boni nämlich auch noch “Filmtrophäen”. Wer in seinem Film die meisten Trophäen untergebracht hat, gewinnt den Film des Jahres. Das ist nicht nur gut für die Reputation als Produzent künstlerisch wertvoller Filmgemmen, sondern auch ausschlaggebend für die nächste Startspielerposition. Und wer nach den vorgegebenen drei Runden die meisten Filmpreise abgeräumt hat, darf (unter der Grundlage, das kritikerseits wohlgelittene Filme auch nach Jahren noch Geld einspielen) noch einen fetten Bonus einstreichen, der durchaus spielentscheidend sein kann. Indes das Grundprinzip des “wertvolle-Filmmitarbeiter-ersteigern” durchaus an Reiner Knizias “Traumfabrik” erinnert, schafft sich “Hollywood” durch die Zugabe des Deckbuilding durch Kartenaustausch, um schlagkräftige bzw. gewinnträchtige Kombos zusammenzustellen und Set Collection, d.h. Sammeln gleicher Symbole als wertvolle Multiplikatoren schon ein Alleinstellungsmerkmal – und obwohl das Spiel sicherlich auch als “abstract” funktionieren würde, ist es schon sehr thematisch. Das Hauen und Stechen um die zugkräftigsten Stars für die Prestigeproduktionen ist ebenso gut getroffen wie das relativ achtlose Rausdonnern anspruchslos zusammengestoppelter Billigfilme, die Bonusmöglichkeiten der Crewmitglieder machen im thematischen Kontext Sinn. Von der spielerischen Handhabung her gibt sich “Hollywood” trotz einer recht umfangreichen, aber gut strukturierten Spielanleitung schnell verständlich. Das Spiel über drei Runden verhindert zumeist ein Runaway-Leader-Problem, da man auch eine schlechtere Runde mit etwas Kartenglück und Auktionsgeschick gut ausgleichen kann und die Entscheidung wirklich überwiegend erst in der letzten Runde fällt. Ein weiterer Pluspunkt: dadurch, dass in allen Spielphasen simultan agiert wird, ergibt sich keinerlei Downtime – und selbst wenn mal ein Spieler etwas länger braucht, um seine Produktion zusammenzustellen, kann man diesen Zeitraum immer noch dazu nutzen, die Konkurrenz auszuchecken und seine eigene Auslage möglicherweise noch mal zu optimieren.

Die Erweiterung “The Other Side of Hollywood” bringt 23 neue Karten ins Spiel – neben der Möglichkeit, z.B. einen Animationsfilm ohne Schauspieler zu drehen oder mit dem mächtigen Anwalt einem Gegner – im Gegensatz zum Agenten – gezielt eine Karte abzunehmen, gibt es nun auch Karten, die sich negativ auf das Einspielergebnis eines Films auswirken und daher in der Interaktionsphase auch auf die Gegner gespielt werden können (und wer so eine Karte hat, MUSS sie, wenn regeltechnisch möglich, in seinem Film verwenden und kann sie auch nicht gegen ein wertloses Drehbuch eintauschen). Kickstarter-Backer durften sich zudem noch über eine exklusive Erweiterung mit diversen neuen Rollen freuen.

Das Spielmaterial (im Grundspiel 178 Karten, 30 Gebotskarten, 42 Auktionsmarker, 6 Wertungsmarker, 3 Trophäen, 6 100-Mio-Marker [falls die normale Punktetafel nicht mehr ausreicht] und der Spielplan) ist von guter Qualität, die graphische Gestaltung der Karten ist ansprechend, ebenso wie die Boxart itself. “Hollywood” mag nicht das tiefsinnigste Spiel der Welt sein, verknüpft aber elegant unterschiedliche Mechaniken, und sollte für die Klientel, die ein schnelles, unterhaltsames Spiel, das förmlich nach “komm schon, noch’ne Runde” schreit, schätzt, mehr als nur einen Blick wert sein – fraglos eines der besten Spiele zum Thema Film, das mir bislang untergekommen ist, wird “Hollywood” von mir daher bedenkenlos empfohlen!

(Entschuldigt sei bitte die mittelprächtige Foto-Qualität. Meine Kamera hat unter den hiesigen Lichtverhältnissen leider ein paar Probleme. Ich versuche, die Bilder bei nächster Gelegenheit durch qualitativ bessere Shots zu ersetzen).

. dice6dice4

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4 responses

  1. Ein Fehler, den wir gemacht haben:

    Genresymbole werden nicht mit dem ganzen Film multipliziert, sondern nur mit sich selbst. 1 Symbol ist also 1 Mio wert, 2 bringen 4 Mios, 3 bringen 9, 4 wird zu 16 und 5 zu 25 Mios.

    1. Ach? Verdammt… Ändert aber nix an der Wertung 🙂

      1. Stimmt.
        Aber g’sagt g’hörts.

      2. Ich werd das mal in der Rezi ändern – dann siehst du wenigstens doof aus, wenn du in den Kommentaren auf einen Fehler hinweist, der gar nicht mehr drin ist 😉

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