Think Twice!

THINK TWICE!
Autor: Maureen Hiron
Publisher: Playroom Entertainment
ab 2 Spieler, ca. 30 min, ca. 10 €

Think Twice - Die Tin-Box

Think Twice – Die Tin-Box

Wir haben an dieser Stelle schon ab und zu festgestellt, dass “Spieledesigner” nicht unbedingt ein Job ist, bei dem man davon ausgehen sollte, schnell Millionär zu werden. Die wenigsten Spieleerfinder können davon leben – es ist für die meisten Angehörigen der Zunft ein Hobby. Die Spieleschreiberei zum wirklichen *Beruf* machen, können nur einige der größten Namen – Teuber, Garfield, Knizia – und Maureen Hiron.

Der Name mag überraschen, denn wenn altgediente Gamer ihre Lieblingsautoren aufzählen, kommt Hiron eher nicht vor. Liegt daran, dass sie keine komplexen Brettspiele (wie des Boardgamegeeks aktueller Liebling, der großartige Vlaada Chvatil) entwirft, die mit synapsenmarternden Mechaniken das Spielerhirn vor überwältigende Herausforderungen stellen, sondern “anspruchslose” kleine “casual games”, die überwiegend nicht in Fachgeschäften, sondern in Supermärkten verkauft werden und vom Hardcore-Strategiespieler nicht mit der Kneifzange angefasst werden würden. Kurz: Hirons Spiele richten sich nicht primär an die “Szene”, sondern an die Leute, die irgendwas in der Kragenweite von “Kniffel” suchen oder so’n Ding einfach mal spontan mitnehmen, wenn’s ihnen an der Kaufhauskasse vor die Griffel kommt. Das macht einen in Spielerkreisen nicht populär, verkauft aber – zumindest jenseits des Großen Wassers, wo Maureen Hiron ihre primäre Umsatzbasis hat – jede Menge Einheiten.

Nun begibt es sich, dass ich ein Fan jeder Art gepflegter Würfelei bin – ob das nun “Zombie Dice”, das “Phase 10”-Würfelspiel oder eben “Kniffel” ist, wenn man mir einen Würfelbecher hinstellt, bin ich dabei, und demzufolge bin ich auch immer auf der Suche nach netten kleinen Würfelspielen. Bei einer solchen unkonkreten Rumschnüffelei stieß ich auf “Think Twice”. Für den recht schmalen Obolus erhält der Kunde eine hübsche Tin-Box, insgesamt 8 Würfel und einen Notizblock. Sechs der Würfel sind völlig handelsübliche Sechsseiter, die beiden anderen sind Spezialwürfel – einer ist mit diversen Buchstaben versehen, der andere mit den Ziffern 0 bis 3. Was tut man nun damit?

Und das steckt drin...

Und das steckt drin…

Mit den sechs normalen Würfeln und dem Buchstabenwürfel wird gewürfelt – nach dem klassischen Kniffel-Prinzip dürfen Würfel nach Belieben herausgelegt und neu gewürfelt werden, das Ergebnis steht, wie es schon der Väter Sitte war, nach dem dritten Wurf. Im Unterschied zum herkömmlichen “Kniffel” werden aber keine bestimmten Würfelkombinationen gesammelt – vielmehr sind “Würfeleigenschaften”, wie ich es mal nennen würde, wichtig. Man kann “niedrige” Würfel (Augenzahlen von 1 bis 3) sammeln, “hohe” (konsequenterweise die 4er bis 6er), “gerade” und “ungerade” Augenzahlen sowie “verschiedene” und “gleiche” Würfel. Grundsätzlich zählen die Würfel, die in die Kategorie fallen, die man sich letztlich zu werten entscheidet, ihre Augenzahlen. Ausnahmen sind die “Niedrigen” – weil man mit denen begreiflicherweise wenig Punkte machen kann, erhält man einen fixen Bonus von 10 Punkten, wenn man sich für diese Kategorie entscheidet -, und die “Gleichen”, die je nach Anzahl eine feste Punktzahl einbringen (ein Paar ist 10 Punkte wert, ein Drilling 20 usw. bis hin zum raren Sechsling, der glatt 100 Punkte einbringt). Ziel sind 1000 Punkte, die Runde, in der ein Spieler die magische Zahl erreicht, wird fertig gespielt, der Spieler mit dem höchsten Punktekonto gewinnt.

Der Wurf passt nicht recht zur erwürfelten Kategorie "Hoch" - nur der 4er würde passen.

Der Wurf passt nicht recht zur erwürfelten Kategorie “Hoch” – nur der 4er würde passen.

Das wäre aber bis jetzt noch nicht sonderlich spannend (und könnte vor allem recht lange dauern), deshalb gibt’s ein paar Sonderregeln. Gelingt es dem Spieler, alle sechs Würfel eines Wurfs zu werten, wird die Punktzahl schon mal glatt verdoppelt (Ausnahme: die “Gleiche”-Kategorie, wo der Sechsling eh schon deutlich mehr Punkte wert ist als der Fünfling). Zudem, wir erinnern uns, haben wir ja auch noch den Buchstabenwürfel gewürfelt. Die sechs Buchstaben korrespondieren, a-haa, mit den sechs Kategorien. Ist die Kategorie, die man werten will, die, die man auch erwürfelt hat, verdoppelt sich die Punktzahl erneut (und wie sich das gehört, darf man auch den Kategoriewürfel, will er so überhaupt nicht zu dem passen, was man an Würfelaugen auf dem Tisch hat, mit den anderen unbrauchbaren Würfeln maximal zweimal neu würfeln). Das macht schon mal deutlich dreistellige Punktewürfe möglich (ein Wurf 4, 4, 5, 6, 6, 6 z.B. mit der erwürfelten Kategorie “Hoch” bringt 31 Punkte [Augen] x 2 [alle Würfel verwendet] x 2 [passende Kategorie erwürfelt] = 124 Punkte. Der gleiche Wurf als Kategorie” Gerade” gewertet – ohne passenden Kategoriewürfel – bringt nur 26 Punkte [4+4+6+6+6].

Also flugs die 4 und den Kategoriewürfel neu gewürfelt. Jetzt hab ich einen 3er-Drilling, aber "E" für "Even/Gerade" gewürfelt. Das wären grad mal 20 Punkte, die ich mit dem Multiplikator noch möglicherweise verdreifachen könnte. Ist mir aber zu wenig.

Also flugs die 4 und den Kategoriewürfel neu gewürfelt. Jetzt hab ich einen 3er-Drilling, aber “E” für “Even/Gerade” gewürfelt. Das wären grad mal 20 Punkte, die ich mit dem Multiplikator noch möglicherweise verdreifachen könnte. Ist mir aber zu wenig.

Auf die Weise kann man sich der 1000 schon relativ flott annähern. Doch es gibt noch einen Kniff, und an den lehnt sich der Spielename “Think Twice” (zu schlecht Deutsch “überleg dir das GUT!) an. Wir haben ja noch den zweiten Spezialwürfel, den mit den Zahlen 0 bis 3. Der Spieler *kann*, sobald er seine Punktezahl aus seinem Wurf ausbaldowert hat, nun noch diesen Würfel werfen und seine erreichte Punktezahl beim Wurf einer “2” nochmals verdoppeln und bei einer “3” sogar verdreifachen – aus den 124 Punkten des obigen Beispiels können also mit Würfelglück 372 werden…. Bei einer gewürfelten “1” bleibt’s bei der normalen Punktzahl, würfelt man aber die “0”, greift elementarste Mathematik. Irgendwas x 0 = 0. Und die ganzen schönen Punkte verflüchtigen sich ins Nirvana der irrealen Zahlen… Es gilt also immer zu überlegen, ob man das Risiko des Multiplikatorwürfels eingehen will oder nicht. Man kann damit natürlich wunderbar auch große Rückstände aufholen, sich aber ebenso einfach einen soliden Wurf kaputt machen.

Also Risiko - mit dem dritten Wurf den Kategoriewürfel noch mal neu gewürfelt und tatsächlich "Low" für "Niedrig" geschafft. Das macht 14 Punkte für die Augenzahl plus 10 Bonuspunkte für die "Low"-Kategorie, macht 24. Verdoppelt, weil ich alle Würfel brauchen konnte - vulgo 48. Der Kategorienwürfel passt auch, verdoppelt nochmals. Und schon sind aus einem Gurkenwurf 96 Punkte geworden, die ich, bin ich mutig, mit dem Multiplikatorwürfel sogar noch auf 288 pushen könnte (aber auch auf 0 fallen...)!

Also Risiko – mit dem dritten Wurf den Kategoriewürfel noch mal neu gewürfelt und tatsächlich “Low” für “Niedrig” geschafft. Das macht 13 Punkte für die Augenzahl plus 10 Bonuspunkte für die “Low”-Kategorie, macht 23. Verdoppelt, weil ich alle Würfel brauchen konnte – vulgo 46. Der Kategorienwürfel passt auch, verdoppelt nochmals. Und schon sind aus einem Gurkenwurf 92 Punkte geworden, die ich, bin ich mutig, mit dem Multiplikatorwürfel sogar noch auf 276 pushen könnte (aber auch auf 0 fallen…)!

“Think Twice”, das in Gamerkreisen derart unpopulär ist, dass es über zehn Jahre nach seiner Veröffentlichung auf Boardgamegeek.com noch nicht mal eine Durchschnittsbewertung hat, ist ein unterschätztes Spiel. Die Kombination von Würfelpoker-Prinzipien, ohne dabei die üblichen Würfelpoker-Kniffel-Bilder zu verwenden, mit dem push-your-luck-Element des Multiplikatorwürfels darf originell genannt werden, und dass “Think Twice” den Spieler nicht krampfhaft in das Korsett eines Kniffelblock-Schemas drängt, sondern ihm bei jedem Wurf die Möglichkeit lässt, aus dem Würfelergebnis ein Optimum herauszuholen, erlaubt ein viel flexibleres Spiel. Auch bei “kalter Würfelhand” kann man aus Kraut- und Rübenwürfen immer noch ein paar vernünftige Punkte herausholen und ein-zwei hohe Würfe mit entsprechendem Multiplikator machen es auch möglich, noch spät im Spiel große Rückstände aufzuholen; es lohnt sich also in jeder Phase des Spiels, das Wurfergebnis zu optimieren. Ein gutes Auge, um die jeweils bestmöglichen Würfel absondern zu können, und solide Kopfrechenfächigkeiten sollte man allerdings mitbringen…

Die Komponenten sind nicht sonderlich hochwertig – die “normalen” Sechsseiter sind sogar eher billig; ich würde dazu raten, die eigene Sammlung nach etwas besseren Würfeln zu durchstöbern und diese zu verwenden, die Spezialwürfel für die Kategorien (wobei die Kategoriekürzel “englisch” sind, also “O” für odd/ungerade, “E” für even/gerade, “D” für different/verschiedene etc.) machen einen etwas robusteren Eindruck. Neben der Spielanleitung, die ausreichend Berechnungsbeispielen für jede Kategorie beinhaltet, bekommt man noch einen bis auf das “Think Twice”-Logo “nackten” Notizblock. Wie schon erwähnt, ist die Blechdose recht apart…

Summa summarum halte ich “Think Twice” für ein sehr launiges und in der Szene “unter Wert” gehandeltes Würfelspiel, das sich als ausgezeichnete Alternative zum herkömmlichen “Kniffel” geradezu aufdrängt. Mögen Hardcore-Spiel-Eliteisten auch aufstöhnen, meiner bescheidenen Meinung nach hat Maureen Hiron hier einen echten Treffer gelandet, den Würfelenthusiasten auf jeden Fall antesten sollten!

dice6dice3

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