Movie Trailer

MOVIE TRAILER
Autoren: Andrea Chiarvesio, Perluca Zizzi
Publisher: Oliphante
3-8 Spieler, ca. 45 min, 30 €

Movie Trailer - die extrem schicke Filmdose

Movie Trailer – die extrem schicke Filmdose

Ich weiß nicht, ob es sich rumgesprochen hat, aber ich bin ja eigentlich hauptberuflich Filmfan. Und als solcher finde ich es ziemlich tragisch, dass es recht wenige (gelungene) Spiele gibt, die sich mit dem Thema Film an und für sich befassen. Kartenspiele wie “Grabräuber aus dem Weltall” versuchen sich – allerdings spielerisch bestenfalls halb gelungen – über die B-Film-/Camp-Trash-Schiene an das Thema anzunähern, Rainer Knizias “Traumfabrik” (aka “Fabrik der Träume”) ist zwar ein ausgezeichnetes Spiel, allerdings eins, das das Filmthema eben “nur” als Flavor über ein Auktionsspiel stülpt. Sicher, es gibt Lizenzspiele noch und nöcher, die sich an einen bestimmten Film anhängen, und wir haben auch die diversen Scene-its, aber gerade da kommen wir zur Krux – Film und Spiel lässt sich am ehesten im Quiz verbinden und Quizspiele, das wird jeder bestätigen, der den strategischen Fehler bging, mal mit mir “Trivial Pursuit” zu spielen, lassen nur selten ein Spiel auf Augenhöhe zu – es gibt immer jemanden, der so viel unnützes Trivia-Wissen gespeichert hat, dass “normale” Spieler keine realistische Chance haben.

Sieht also so as, als müssten der Hardcore-Filmfreak und der Gelegenheitskucker sich damit abfinden, beim Spieleabend das Thema “Film” auf die Frage “Hasse den neuen Iron Man schon gesehen?” zu beschränken. Oder?

Das Innenleben der Dose :)

Das Innenleben der Dose 🙂

Abhilfe verspricht der italienische Publisher Oliphante mit “Movie Trailer”, einem Spiel, das mir auf der SPIEL 13 aufgrund der markanten Verpackung (einer Filmdose im 35mm-Format und tatsächlich aus Blech) ins Auge fiel (autsch). Drei bis acht Spieler können mitmachen – ein Spiel also, das durchaus auch partytauglich sein sollte. “Movie Trailer” ist ein Quiz, aber wer jetzt erwartet, dass einem aus der Schachtel fünfhundert Frage-und-Antwort-Karten entgegenpurzeln, ist schief gewickelt – gerade dieses reine Abfragesystem will dieses Spiel vermeiden. Was bekommen wir also statt dessen und wie läuft das ganze ab?

Herzstück von “Movie Trailer” ist der multilinguale Spielplan in vager Zahnradform, darüber hinaus erhalten wir 144 sogenannte Hinweiskarten. Diese zeigen Abbildungen von Personen, Orten, Ereignissen etc. Ein Spieler wird zum “Regisseur” ernannt. Seine Aufgabe ist es nun, sich einen (selbstredend existierenden) Filmtitel auszudenken und auf einen Zettel zu schreiben (das ist nicht unbedingt notwendig, erspart aber lästige Komplikationen – was schwarz auf weiß steht, kann nicht mehr verleugnet werden…). Der nächste Spieler in der Reihe darf sich nun einen “Hinweis” wünschen. Hier kommt der Spielplan ins, äh, Spiel – sowohl die vier Innenfelder als auch die “Ausstanzungen” am Zahnradrand sind sogenannte Hinweisfelder. Die gibt es in verschiedenen Kategorien – Hauptdarsteller, Schauplatz, Genre, “Gut”, “Böse”, Finale und allgemeiner Hinweis. Eine dieser Kategorien kann sich der Spieler nun wünschen und der Regisseur hat nun die hehre Aufgabe, aus den Hinweiskarten eine herauszufummeln, von der er meint, dass sie “seinen” Film am besten charakterisiert. Das kann sehr straightforward (ein UFO in der Kategorie Genre lässt unschwer auf Science fiction schließen), oder auch mal mehrdeutig/um die Ecke gedacht ausfallen. Die Hinweiskarten sind zwar farblich ein wenig gruppiert (blaue Karten sind primär für Genre gedacht, rote Karten zeigen hauptsächlich Personen), können aber beliebig eingesetzt werden – die Karte mit der Kirche kann z.B. sowohl als Schauplatz fungieren als auch bedeuten, dass der Film ein religiöses Thema aufweist oder sich mit Glaubensfragen an und für sich auseinandersetzt, demzufolge auch als Hinweis für “Genre”, “allgemeiner Hinweis” oder sogar “Gut” oder “Böse” gesetzt werden kann, wie auch das Bild “Typ mit Knarre” sowohl als Genre-Hinweis (“Krimi”), für einen Darsteller oder meinetwegen als “Böse” funktioniert.

Eine Handvoll Hinweiskarten...

Eine Handvoll Hinweiskarten…

Nun darf der hinweiswünschende Spieler den Titel raten – liegt er richtig, ist das natürlich schön, liegt er falsch, darf nun reihum jeder weitere Spieler aufgrund dieses Hinweises seinen Tipp abgeben. Erst wenn alle Spieler ihren Vorschlag abgegeben haben und der richtige Titel noch nicht dabei war, darf sich nun der nächste Spieler einen neuen Hinweis wünschen. Nach maximal sechs Hinweisen ist der Käs gegessen, ist bis dahin nicht richtig geraten worden, wird aufgelöst und der nächste Spieler wird zum Regisseur.

Es liegt in der Natur der Sache, dass die 144 Karten nicht alles punktgenau abdecken, was man sich als exakten Hinweis wünschen würde – wie schon gesagt, muss man manchmal sowohl als Regisseur als auch als Rater querdenken. Ist ein Hinweis vielleicht doch nur metaphorisch? Bedeutet das tanzende Paar nun zwangsläufig einen “Liebesfilm”, muss es überhaupt ein Paar sein oder ist es nur eine Umschreibung? Wieviel an Erläuterungen der Regisseur abgibt, ist im Zweifel ihm überlassen (bzw. sollte man vorher ausmachen. Spiele ich als Regisseur und finde keinen eindeutigen Hinweis, lasse ich die Rater gewöhnlich schon wissen, dass es sich um eine Umschreibung oder eine Annäherung handelt). Für raren Fall, dass die Kategorie nicht “besetzt” werden kann (das dürfte am ehesten bei “Böse” der Fall sein – es gibt ja durchaus Filme und Genres, die ohne Antagonisten auskommen), hat der Regisseur dies anzusagen, der Rater darf sich dann eine andere Hinweiskategorie wünschen.

Ein geradliniges Beispiel für "Men in Black" - die Freiheitsstatue symbolisiert New York, das UFO das Genre SciFi, das Alien-Monster ist "das Böse" und der bewaffnete Will-Smith-Klon unser Hauptdarsteller.

Ein geradliniges Beispiel für “Men in Black” – die Freiheitsstatue symbolisiert New York, das UFO das Genre SciFi, das Alien-Monster ist “das Böse” und der bewaffnete Will-Smith-Klon unser Hauptdarsteller.

Der Clou des Spieles ist – und hier kommt der Umstand zum Tagen, dass hier Alleskucker und Gelegenheitsschauer gemeinsam spielen können -, dass man als Regisseur tunlichst nicht zu schwierige Filme aussuchen sollte. Je nachdem, wann die richtige Antwort fällt (bzw. nach wievielen Hinweisen) gibt es Punkte für den Rater als auch den Regisseur – fällt gleich nach dem ersten Hinweis der Groschen, gibt’s z.B. 3 Punkte für den Regisseur und 10 für den Spieler mit der richtigen Antwort. Braucht’s vier Hinweise, kassiert der Regisseur 10 und der Rater noch vier Punkte. Das ist das Maximum, das der Regisseur herausholen kann – wird erst in der fünften oder sechsten Runde richtig geantwortet, reduzieren sich auch die Punkte für den Regisseur wieder. Und hat nach der sechsten Runde immer noch niemand den richtigen Titel, gibt’s keine Punkte für niemanden. Das bedeutet, dass der Arthouse-Freak, der das usbekische Ziegenhirtenmelodram “Wo der Schafbock dreimal grast” nominiert, vermutlich ebenso leer ausgeht wie derjenige, der Stummfilme von 1913 oder den letzten Direct-to-Video-Hobel mit Michael Dudikoff auf seinen Zettel schreibt. Nur wer Filme wählt, die von seiner Runde auch erratbar sind, hat Chancen auf die wertvollen Regisseur-Punkte (die kann man schließlich “alleine” einsacken, während die Rater stets in direkter Konkurrenz zueinander stehen).

Selbstverständlich wird man durch nichts davon abgehalten, den Schwierigkeitsgrad abhängig von der werten Spielerrunde frei Schnauze anzupassen – wenn die geeigneten Spieler da sind, kann man natürlich sagen “nur Hitchcock-Filme”, “nur s/w-Filme”, “nur Disneys”, “französische nouvelle vague”, “japanische Filme” oder “auch TV-Serien zählen”. Da sind der Fantasie bzw. dem Hirnschmalz der Spielerschar keine Grenzen gesetzt, man muss halt nur aufpassen, ob die Hinweiskarten es hergeben.

Problematisch sind eigentlich nur zwei Punkte. Zum einen sollte man vor Spielbeginn klarstellen, wie exakt die Titel erraten werden müssen. Reicht “Indiana Jones” oder muss es “Jäger des verlorenen Schatzes” heißen (zumal man mit den Hinweiskarten durchaus Probleme haben könnte, die Indy-Filme unterschiedlich darzustellen. Auch bei James Bond könnt’s knifflig werden…). Zum anderen sind die Hinweiskarten selbst ein kleines Problem – bei 144 Karten kann’s schon mal ein Weilchen dauern, bis der Regisseur ein mehr oder weniger passendes Kärtchen gefunden hat (Folge: Downtime, bei einem Partyspiel eher kritisch zu sehen, auch wenn die Rater diese Zeit natürlich für Überlegungen nutzen können), ein paar Karten, die man vor seinem geistigen Auge hat, vermisst man, dafür gibt’s natürlich wieder solche, bei denen mir um’s Verrecken nicht einfallen will, für welchen Film man sie verwenden könnte. Aber das regt natürlich wieder die Fantasie an…

Das Material ist okay – der Spielplan reißt gestaltungstechnisch keine Bäume aus, aber da er mit den Karten verziert wird, ist das nicht weiter bedeutend. Die Karten selbst (quadratisch, also nichts für Sleever) sind im Comic-Stil gehalten. Neben den Hinweiskarten gibt’s noch sechs weitere Karten als Runden- bzw. Punktemarker (d.h. sie zeigen an, wie viele Punkte aktuell im Pott sind) und Spielgeld für die Punktezählung (da wären mir Chips etwas lieber gewesen als die fiddeligen kleinen Papierscheine). Ein Lob geht an das ausführliche multilinguale Regelheft, das für diejenigen, die sich unter der Mechanik auf Anhieb nicht viel vorstellen können, auch anhand einiger Blockbuster-Beispiele aufdröselt, wie das mit den Hinweiskarten und den Kategorien funktioniert. Und die Verpackung ist natürlich extrem cool…

Summa summarum ist “Movie Trailer” ein wirklich schönes Spiel für Filmfreunde – die Hinweiskartenmechanik ist eine hübsche Alternative zum reinen vorgekauten Frage- und Antwortspiel und dabei flexibel genug, um, wie oben angemerkt, ein faires Spielerlebnis sowohl für absolute Filmexperten wie auch die Nebenher-TV-Gucker zu gewährleisten und sich damit vielleicht weniger für die “üblichen” Spielerunden als vielmehr lockeres gesellschaftliches Zusammensein (e.g. Party!) anbietet. Gibt sicher auch ein nettes Geschenk für Filmfans ab!

dice6dice3

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