Love Letter

LOVE LETTER
Autor: Seiji Kanai
Publisher: AEG/Pegasus Spiele
2-4 Spieler, ca. 20 min, ca. 9 EUR

Love Letter - Die Box

Love Letter – Die Box

Wenn man seine Essen-Besuche so hindeichselt, dass man eher zu Beginn der Messe vor Ort ist und dabei nicht unbedingt eine permanente Internet-Verbindung aufrecht erhält, kann es sein, dass man trotz persönlichen Durchstreifens der Messehallen den aktuellen Hype gar nicht so recht mitbekommt. So ging’s mir zumindest 2012 – “Love Letter” war mir zwar am AEG-Stand aufgefallen , aber dass z.B. die Community von Boardgamegeek recht unisono der Meinung war, dass dieses kleine, unauffällige Kartenspiel einer der großen Hits der aktuellen Messe sei, erschloss sich mir erst, als ich wieder daheim vor meinem PC saß.

Nun, nicht immer muss es ein Nachteil sein, nicht derjenige zu sein, der das next big thing findet… ein Jahr später gibt’s von “Love Letter” nämlich eine schöne deutsche Ausgabe (nicht, dass das Spiel sonderlich komplex wäre und man eine englischsprachige Ausgabe niemandem vorsetzen könnte) von Pegasus und die hab ich dann auch mit Freuden eingesackt.

“Love Letter” stammt aus der Feder des japanischen Autors Seiji Kanai und ist wider Erwarten trotzdem kein Füllhorn sexueller Perversionen noch ein hirniges Sammelkartenspiel (was irgendwie die zwei einzigen Kategorien sind, die ich mit Japan und Spiel ernstlich in Verbindung bringe. Aber machen wir uns nichts vor – wir sind uns doch alle einig, dass “Love Letter” in seiner Urfassung mit Sicherheit ein Hentai-Spiel war, in dem’s darum ging, mit den meisten Tentakeln die Körperöffnungen einer jungen Dame zu penetrieren). Vielmehr beeindruckt Kanai mit absolutem Minimalismus – das gesamte Spiel besteht aus sechzehn großformatigen Spielkarten (die Schachtel wird mit ein paar Holz-Herzen aufgefüllt, die als Punktemarker dienen, aber streng genommen nichts tun, was ein Zettel und Bleistift nicht auch gut hinbekommen würden) – mehr gibt’s nicht. Mit 16 Karten ein Spiel entwerfen, an dem bis zu vier Spieler Freude haben können? Wie soll das dann gehen, fragt sich der Laie und auch der Fachmann wundert sich.

Das Material

Das Material

Überraschend gut, ist die Antwort. Aber zunächst kurz zur Story des Spiels – als Spieler sind wir glühende Verehrer der Prinzessin (die auf mich, zumindest vom Artwork her, allerdings einen recht zickigen Eindruck macht. Ich würde mich da eher auf die Gräfin, äh…) und möchten ihr einen Liebesbrief zukommen lassen. Da e-Mail an prinzessin@königshof.com offensichtlich etwas anachronistisch wäre, müssen wir uns hierfür des Hofstaats bedienen. Bei Hofe treibt sich Gesindel in unterschiedlicher Funktion und Nähe zur Prinzessin herum – unser Ansinnen ist es nun, die lästige briefbefördernde Konkurrenz ganz auszuschalten oder, falls dies nicht gelingt, unseren Brief bei der höchstrangigen Persönlichkeit im Spiel untergebracht zu haben (vulgo: am Ende vom Lied steht, wenn alle Stricke reißen, ein schlichter Stich).

Nach Durchmischen des Kartensatzes und Beiseitelegens einer Karte für eventuell spätere Verwendung (sie ist eine “Reservekarte” für den möglichen Fall, dass im allerletzten Zug eine Kartenfunktion ausgelöst werden muss, abgesehen ist die Identität dieser Karte eine Ungewissheit, mit der die Spieler leben und sie einkalkulieren müssen), erhält jeder Spieler genau eine Handkarte. Ist er am Zug, zieht er eine Karte vom Nachzugstapel und spielt eine Karte aus, deren Funktion, wenn möglich, ausgeführt werden muss. Ist der Nachzugstapel aufgebraucht, vergleichen die verbliebenen Spieler, wer die höchste Karte in der Hand hält. Alternativ kann ein Spieler die komplette Konkurrenz eliminieren, um einen Rundensieg davon zu tragen.

Wie wird man die anderen Spieler nun los? Nun, jede Karte hat eine bestimmte Funktion und Wertigkeit, von der “Wächterin” (Wertigkeit 1) bis hin zur “Prinzessin” (Wertigkeit 8) garselbst. Über die Kartenfunktionen kann man nun versuchen, die Gegner aus dem Spiel zu kegeln – mit dem Ausspielen der “Wächterin” kann man z.B. versuchen, zu erraten, welche Handkarte ein Gegenspieler hält. Liegt man richtig, ist er ausgeschieden. Um nicht brutal ins die laue Luft raten zu müssen, kann man nun wiederum zuvor mit der Karte “Priester” (Wertigkeit 2) eine gegnerische Handkarte ankucken. Andere Karten erlauben wiederum das Tauschen von Handkarten, zwingen den Gegner, eine Karte abzulegen und eine neue aufzunehmen (was besonders hart ist, wenn derjenige die Prinzessin auf der Hand hat. Wer gezwungen ist, sie abzulegen, ist raus).  Nett ist auch der “Baron” (Wertigkeit 3), der zum (geheimen) Vergleich der Handkarte mit einem beliebigen Gegenspieler berechtigt – wer die niedrigere Karte vorweisen muss, scheidet aus. . Nur die “Gräfin” (Wertigkeit 7) hat keine besondere Funktion – dafür aber ist man gezwungen, sie auszuspielen, sofern man einen “Prinzen” (Wertigkeit 5) oder den “König” (Wertigkeit 6) auf der Hand hat – wird die Gräfin gespielt, erlaubt dies natürlich eine gut begründete Spekulation, was der betreffende Spieler noch hält (weswegen man die Gräfin natürlich auch sehr gut als Bluff spielen kann, ohne durch die Partner-Karte gezwungen zu sein). Da praktisch alle Kartenfunktionen dem Gegner schaden, ist es gut, dass es zumindest eine Karte gibt, die vor solchen Angriffen schützt – die “Zofe” (Wertigkeit 4). Wer sie ausspielt, hat für eine Runde Ruhe (und kann ggf. sogar dafür sorgen, dass ein mistiger Mitspieler einen Prinzen mangels anderer Alternativen auf sich selbst spielen muss).

Prinzessin nebst Hofstaat

Prinzessin nebst Hofstaat

Man sollte meinen, das Spiel mit nur zwei Karten und daher maximal zwei Entscheidungsmöglichkeiten pro Zug müsste zwangsläufig langweilig werden, aber weit gefehlt – gerade durch den knappen Kartensatz lässt sich trotz der eingeschränkten Optionen ziemlich viel anstellen. Bluffen, die Gegenspieler lesen (es kann sehr aufschlussreich sein, wenn man bemerkt, dass ein Spieler eine Karte lange auf der Hand behält), die ausgespielten Karten beobachten… es gehört in der Tat mehr als nur Glück dazu (das freilich eine große Rolle spielt, denn wenn man dreimal hintereinander eine “Wächterin” zieht, schränkt einen das natürlich stark ein), sondern braucht auch gewisse taktische Skills, die richtige Karte zum richtigen Zeitpunkt zu spielen.

Das Spiel ist sehr ausgewogen – ich hätte vielleicht eine “Wächterin” (die gibt’s als einzige Karte fünfmal im Spiel, der Rest ist maximal doppelt vertreten) zugunsten einer weiteren “Zofe” weggelassen, um etwas mehr Taktik ins Spiel zu bringen, da die “Wächterin” speziell zu Beginn einer Runde nun mal ein reiner Schuss ins Blaue sein muss, aber das stört nicht entscheidend. Aufgrund der kleinen Kartenhand kann man mit jeder Starthand gewinnen und selbst wenn man mal in einer Runde frühzeitig eliminiert wird, ist das nicht weiter schlimm – man kann sich ja ausrechnen, wie lange eine Runde bei maximal elf nachziehbaren Karten dauern kann. Bis sich die je nach Spielerzahl gesetzte Anzahl an Rundensiegen eingestellt hat, sollte es nur bei extrem grüblerischen Spielern länger als 20 Minuten dauern…

“Love Letter” funktioniert mit drei und vier Spielern besonders gut, überraschenderweise ist aber auch die 2-Spieler-Variante (bei der das Deck durch drei zufällig entfernte Karten, die dann aber offen ausliegen, damit die Spieler wissen, welche Karten nicht mitspielen, weiter ausgedünnt wird) erstaunlich schick. Das macht “Love Letter” zu einem idealen Aufwärm-, Zwischendurch- oder Absackerspiel. Die simplen Regeln und die dabei doch hin und wieder kniffligen Entscheidungen, die man zu treffen hat, sollten sowohl erfahrene Gamer als auch spielerisch eher unbelastete Freunde und Familienangehörige ansprechen. Das Spielmaterial der Pegasus-Version ist exzellent – die Karten sind großformatig und sehr stabil, das Artwork hübsch thematisch.

Kurz gesagt – “Love Letter” ist ein Spiel, das für wenig Geld und mit minimalem Aufwand sehr viel Freude bringt, praktisch überall und immer mit Jedem gespielt werden kann und dabei noch schön aufgemacht ist. Arg viel besser geht’s nicht – dieses Spiel sollte in keiner Sammlung fehlen.
dice6dice4

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: