Der Hobbit – Eine unerwartete Reise

DER HOBBIT – EINE UNERWARTETE REISE
Autor: Andreas Schmidt
Publisher: Kosmos
2-4 Spieler, ca. 60 min, ca. 20 €

Der Hobbit - Eine unerwartete Reise - Die Box

Der Hobbit – Eine unerwartete Reise – Die Box

Begeben wir uns nach „Avatar“ noch einmal in die wunderbare Welt der Lizenzspiele – obwohl unter der Argumentation „bekannter Name reicht zum Verkaufen, wieso sollte man sich dann noch ein Spiel dazu einfallen lassen“ immer noch genügend Schrott an arglose Konsumenten verkauft wird, hat sich unter den Publishern, die dicke Kohle dafür abdrucken, ein bekanntes Property spieletechnisch verwursten zu dürfen, mittlerweile zumindest teilweise herumgesprochen, dass es nicht schadet, vielmehr dem eigenen Ruf (und auch dem des Lizenzgebers) zuträglich sein kann, vernünftige Spiele zu entwickeln. Das kann dann so geschehen, dass ein Reiner Knizia auf irgendein abstraktes Konzept, das er seit Jahren in der Schublade hat, schnell ein „Herr der Ringe“-Thema draufschraubt (was bei der durchschnittlichen Qualität von Knizia-Spielen nicht das schlechteste ist, was einem passieren kann), oder man beauftragt tatsächlich einen Autoren damit, ein Lizenzspiel von der Pieke auf zu bauen.

Da zur Überraschung von Plain Noone anlässlich des Kinostarts des ersten der langerwarteten „Hobbit“-Filme die ein oder andere Containerladung frischer Merchandisingprodukte über der Kundschaft ausgeschüttet wurde, durfte Kosmos, bereits Herausgeber etlicher „Herr der Ringe“-Lizenzspiele (ich mag das „Die zwei Türme“-Brettspiel durchaus, das kooperative „Gefährten“-Spiel haute mich dagegen nicht vom Hocker) und auch schon einiger älterer “Hobbit”-Spiele natürlich nicht fehlen und präsentiert das passende Brettspiel, entwickelt von Andreas Schmidt, dem Tüftler hinter dem kritikerseits wohlgelittenen, aber nicht unbedingt als Verkaufsschlager konzipierten abstrakten Strategiespiels „ShenShi“. Ob das jetzt der Mann wäre, an den ich mich für ein Mainstream-taugliches Familienspiel – und das muss ein breit vermarktetes Lizenzspiel ja schlechterdings sein – wenden würde, lasse ich mal dahingestellt, aber gut, kann ja klappen (und laut liner notes ist das Hobbit-Spiel für Schmidt ein langgehegter Traum, so more power to him). Das offizielle tie-in-Kartenspiel kommt übrigens interessanterweise von Ravensburger. Licence splitting!

Die Komponenten

Die Komponenten

Wie die meisten größer angelegten Brettspiele aus der Tolkien-Welt ist auch „Der Hobbit“ ein nicht speziell konfrontatives und kompetetives, sondern ein kooperatives Spiel (auch „Die Gefährten“ war ja ein coop, und „Die zwei Türme“ kann man trotz der Siegbedingung für einen Spieler zumindest als semi-coop werten, kann man doch gemeinschaftlich verlieren). Als Spieler übernehmen wir den Part der Zwerge, die den titelgebenden Hobbit Bilbo Beutlin alias Baggins auf seinem großen Abenteuer begleiten. Da Kosmos sich ja für die weiteren Hobbit-Teile Optionen offen halten muss, kann “Eine unerwartete Reise” sicher nicht die die ganze Story abdecken – auf Smaug muss also kein Tolkien-Fan hoffen. Vielmehr sind “wir” Spielerzwerge Bilbos Geleitschutz auf dem Weg durch Auenland, Bruchtal, Trollhöhen, Carrock, und Nebelgebirge.

Jeder Spieler kontrolliert dabei zwei Zwerge, Bilbo kann von jedem Spieler gespielt werden (bei Vorliegen der entsprechenden Voraussetzungen) und auch Gandalf mischt mit. Die Bewegung erfolgt über Karten – jeder Spieler hat fünf Bewegungskarten mit Werten von 2, 3, 4, 1/2/3/4 und “Würfel” zur Verfügung. 2, 3 und 4 bedeuten selbsterklärend, dass der Spieler mit einem seiner Zwerge um die entsprechende Anzahl Felder vorrückt. Die 1/2/3/4-Karte erlaubt dem Spieler, frei zu wählen, ob er 1, 2, 3 oder 4 Felder ziehen will, die Würfel-Karte lässt den Spieler einen D6 würfeln, um die Augenzahl muss/darf er weiterziehen. Dabei ist immer der exakte Wert zu befolgen, kein Bewegungspunkt darf verfallen, der Zug darf auch nicht auf zwei Zwerge verteilt werden. Eine einmal gewählte Bewegungskarte wird zunächst abgelegt und ist erst wieder verfügbar, wenn der Spieler alle anderen Bewegungskarten benutzt hat; es zahlt sich also aus, die Bewegungskarten mit Bedacht zu spielen, da man sich – speziell mit der Würfelkarte – in den heikleren Bereichen des Spielplans schnell mal in eine unerwünschte Bredouille bringt.

Ein paar Abenteuerkarten...

Ein paar Abenteuerkarten…

Neben den Bewegungskarten hat man zudem Handkarten (zunächst drei, das kann sich im Spielverlauf auf bis zu 6 erhöhen, da man unabhängig davon, wieviele Karten man ausspielt, stets zwei nachzieht). Auch einige Handkarten erlauben Bewegung (das “Pony”, mit dem man auch einen zweiten Zwerg, egal welcher Farbe, oder Bilbo mitnehmen kann), andere wiederum steuern die Bewegung Bilbos oder Gandalfs (der auf einem separaten Pfad unterwegs ist und den man sich idealerweise so stellen sollte, dass er in den Trollhöhen oder im Nebelgebirge helfend eingreifen kann, im Normalfall aber eben gerade nie da ist, wo man ihn brauchen könnte. Ganz wie im “richtigen Leben”). Zudem kann man noch Zwerge oder Verbündete auf die Hand bekommen – die braucht man im Kampf.

Gekämpft wird auf den “Abenteuerfeldern” der Trollhöhen und des Nebelgebirges – erreicht man ein solches Feld, muss eine Abenteuerkarte aufgedeckt werden. Meistens hat man’s dann mit einem fiesen Monster zu tun, z.B. Trollen, Goblins oder Gollum (ab und an kann man auch andere Aufgaben erhalten, die man dann entsprechend dem Kartentext auszuführen hat). Diese haben eine bestimmte Kampfstärke, die man mit den Kampfwerten von Zwerg- oder Verbündetenkarten, die man aus seiner Hand spielt, exakt erreichen muss (überbieten giltet nicht, was die Sache kniffliger macht). Verliert man den Kampf, muss man entsprechend der Kampfstärke des Gegners Felder zurückziehen, der Gegner bleibt aufgedeckt und muss vom nächsten Zwerg, der sich auf eines der jeweiligen Abenteuerfelder wagt, erneut bekämpft werden. Mit der Verbündeten-Karte “Thorin Eichenschild” kann man das Monster zumindest neutralisieren – es bleibt zwar im Spiel und kann den nächsten Zwerg ärgern, aber der aktuelle Spieler selbst kann im nächsten Zug weiterziehen. “Thorin” ist übrigens in der Tat eine sehr wichtige und mächtige Karte – man braucht sie auch, um ins Zielfeld ziehen zu können (egal ob mit Zwerg oder Bilbo) und um einen Gefangenen zu befreien. Gefangene? Nun, bei all der fröhlichen Kartenzieherei werden auch Gefahrenkarten gezogen – jede Gefahrenkarte bewegt den Ork-Stein auf der Ork-Spirale in der Spielfeldecke weiter und sobald der Ork-Stein ein rotes Feld erreicht, wird die Spielfigur, die am weitesten vorangekommen ist (Zwerg oder Bilbo) gefangen genommen. Ein anderer Zwerg (oder Bilbo) kann den Gefangenen durch Ausspielen einer Thorin- oder Zwergen- und Verbündetenkarten im Wert von mindestens 10 befreien (auch beim Zug ins Zielfeld kann Thorin durch Zwergen- und Verbündetenkarten ersetzt werden). Trägt Bilbo “den einen Ring”, der über eine Abenteuerkarte ins Spiel kommt und lustigerweise tatsächlich nur über die Bilbo-Figur gestülpt werden kann, ist er gegen Monster/Abenteuerkarten immun und kann nicht mehr gefangen genommen werden.

Ein aufgebautes Spiel mit drei Spielern. Oben geht's los, das Zielfeld ist unten neben der "Ork-Spirale".

Ein aufgebautes Spiel mit drei Spielern. Oben geht’s los, das Zielfeld ist unten neben der “Ork-Spirale”.

Hat jeder Spieler mindestens einen Zwerg ins Zielfeld gebracht und hat auch Bilbo den rettenden Hafen erreicht, haben die Spieler gemeinsam gewonnen (wir merken: Zwerge sind die “Expendables” von Mittelerde), verloren haben die Spieler, wenn der Ork-Stein das letzte Feld der Spirale erreicht hat (das ist abhängig von der Spielerzahl), Bilbo gemeinsam mit einem Zwerg gefangen genommen wurde oder beide Zwerge eines Spielers gefangen genommen wurden (mithin der Spieler keine Zugmöglichkeit mehr hat).

Was kooperative Spiele angeht, ist “Der Hobbit” kein sonderlich komplexes – “Pandemie” oder “Arkham Horror” verlangen der Gruppe sicher delikatere Entscheidungen ab als dieses Spiel (meine Gruppe, bestehend zu 2/3 aus “non-gamern”, gewann das Spiel im ersten Anlauf, knapp, aber verhältnismäßig sicher). Ausschlaggebend für Erfolg oder Mißerfolg ist in erster Linie das Glück (oder die Abwesenheit desselben) beim Kartenziehen, die Entscheidungen, über die man sich beraten kann, beschränken sich im Wesentlichen darauf auf Zugoptionen – großartige taktische Besprechungen braucht man nicht zu erwarten (immerhin eliminiert das weitestgehend das “alpha-player”-Syndrom, also den Umstand, dass das Spiel von einem dominierenden Spieler gesteuert wird). Man kann sich jedoch helfen (durch die Gefangenenbefreiung) und sobald man einen Zwerg ins Ziel gebracht hat, darf man anderen Spielern Handkarten zuschanzen.

Ich bin mir nicht sicher, wie “replayable” das Spiel ist – es gibt nur ein Szenario und bis auf die Reihenfolge der Nachzugkarten ist das set-up statisch, dafür ist es aber nach einer gewissen Eingewöhnungsphase auch von coop-unerfahrenen Spielern zu erfassen und kann so möglicherweise als Einführung in die wunderbare Welt der kooperativen Spiele dienen.

In Sachen Material braucht man sich bei Kosmos keine großen Sorgen zu machen. Der Spielplan ist hübsch gestaltet, die Karten sind nicht einfach mit Filmfotos, sondern mit (den realen Vorbildern allerdings sehr nahekommenden) schönen Zeichnungen illustriert, einzig, dass die Karten aus lizenzrechtlichen Gründen mit den englischen Originalnamen versehen sind (die Spielanleitung aber die deutsch übersetzten Namen verwendet) ist ein offensichtlich unvermeidlicher, aber nicht unbedingt verständlicher Schönheitsfehler. Die Spielfiguren sind etwas einfallslos, spiegeln aber immerhin die Größenverhältnisse wieder; die Anleitung ist an ein-zwei Stellen nicht ganz deutlich, stellt die Spieler aber auch nicht vor unlösbare Mysterien.

Soll man sich das Spiel nun zulegen? Nun, Hardcore-Gamer kann man damit sicherlich nicht unbedingt von den “gehaltvolleren” Koop-Spielen (oder gar “Traitor”-Games wie “Battlestar Galactica”) weglotsen können, aber für Gelegenheitsspieler ist “Der Hobbit” passable Unterhaltung, die, wie gesagt, das generelle Interesse an coop-Games wecken kann. Da das Spiel zudem nicht sonderlich teuer ist, würde ich nicht prinzipiell abraten, auch wenn man vermutlich nach drei oder vier Spielen kaum noch neue, interessante Aspekte am Spiel finden wird. Wie sagt man so schön – es ist “wife friendly”…

dice6dice2

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