Avatar: The Board Game

AVATAR: THE BOARD GAME
Autor: Tom Mason, Adam Sadler
Publisher: Mega Brands
2-4 Spieler, ca. 30-45 min, ca. 15 €

Avatar - Die Box

Avatar – Die Box

Man kann über James Camerons großes SF-Opus “Avatar” sagen, was man will – dass es ein lauer Aufguss von Motiven ist, die schon Filme wie “Pocahontas”, “Der mit dem Wolf tanzt” oder “Der letzte Samurai” hinlänglich erkundet haben, dass es nur die neue 3D-Technologie war, die die Massen ins Kino lockte, dass Cameron seine künstlerischen und erzählerischen Mittel, die er zu Zeiten von “Aliens” oder “Abyss” durchaus noch hatte, zugunsten eines rein technisch-kommerziellen Ansatzes an der Studiotür abgab, und hätte damit wohl in allen Punkten Recht, aber nichtsdestotrotz – “Avatar” IST der erfolgreichste Film aller Zeiten, wird wohl demnächst fortgesetzt werden und umgibt sich logischerweise mit einer Galaxie aus Merchandising- und spin-off-Produkten.

Womit wir beim Thema wären. Während sich die Adaption als Videospiel ja direkt aufdrängt, wäre eine Brettspielumsetzung jetzt nicht unbedingt eine meiner ersten zwei-dreihundert Merchandising-Ideen. Davon lässt sich allerdings ein angesehener (hihi) Erfolgspublisher (hörrchhörrch) wie “Mega Brands” (das klingt ja schon hochgradig seriös), bekannt und beliebt aufgrund eines dem Vernehmen nach grauenvollen “Eragon”-Brettspiels, nicht abhalten und beauftragte zwei Autoren, einer davon immerhin Adam Sadler, der auch an “Descent (2nd Edition)” und “Tannhäuser” arbeitete, mit der Erstellung eines chefmäßigen “Avatar”-Brettspiels. Als mir dieses Spiel neulich zu einem Supersondersparpreis unter den Sonderangeboten bei spiele-offensive.de entgegenkam, konnte ich, wie üblich, wenn ich ein train wreck epischen Ausmaßes wittere, nicht an mich halten… (es half, dass ich zuversichtlich sein konnte, das Ding auch tatsächlich auf den Tisch zu bekommen, wenn die bessere Hälfte “Avatar”-Fan ist. Ob ich das für’n Appel und ‘n Ei erstandene “Traumschiff”-Brettspiel, das mir schon beim Durchlesen der Spielregeln spontane Hirnblutungen verschaffte, jemals gespielt bekommen werde, ist noch fraglich…).

Der 3D-Spielplan

Der 3D-Spielplan – wie üblich wird die Hintergrundkatze nicht mitgeliefert.

Was die Herren Tom Mason (ob der mit Ed Woods Chiropraktiker, der in “Plan 9 From Outer Space” Bela Lugosi so überzeugend doublete, verwandt ist?) und Adam Sadler sich ausgedacht haben, ist eine Art semi-kooperatives Kampfspiel, in dem die Spieler als Na’vi-Krieger fungieren, die gegen die bösen RDA-Einheiten der elenden, umweltzerstörenden und selbstsüchtigen Menschen antreten.

Bevor’s aber ans zünftige Fighten geht, muss der Spielplan aufgebaut werden und eingedenk “Avatars” Ruf als Erneuerer der 3D-Filmtechnologie macht es ja schon irgendwo Sinn, dass auch das Brettspiel eine Art 3D-Komponente aufweist. So muss erst der “Lebensbaum” aus den mitgelieferten Einzelteilen zusammengebastelt und zentral auf dem Spielplan aufgestellt werden – er ist die Basis der Na’vi-Aktivitäten. Der Lebensbaum wird von vier farblich gekennzeichneten Bereichen umgeben, die wiederum in jeweils drei Sektoren untergliedert sind. Zu Beginn seines Zuges würfelt der Spieler mit einem recht klobigen D12, in welchen der 12 Sektoren ein fieser terranischer Invasor (durch einen sogenannten “RDA-Marker” symbolisiert) eindringt. Sobald in einem Sektor der vierte RDA-Marker gelegt wird, erfolgt ein “Angriff” der Menschen, der den Lebensbaum beschädigt – der sechste Angriff der Menschen vernichtet den Baum endgültig, dann haben alle Spieler gemeinsam verloren (das sagen zwar nicht die offiziellen Regeln, aber es sollte so sein).

Sully und Neytari auf dem Lebensbaum.

Sully und Neytari auf dem Lebensbaum.

Wie gewinnt man nun? Wer als erster Spieler acht Siegpunkte ergattert hat, ist der Sieger des Tages. Punkte erringt man auf zweierlei Art – entweder durch das Besiegen von RDA-Einheiten im Kampf oder das Ausführen von speziellen Missionskarten.

Aber der Reihe nach – am Zug hat der Spieler die Möglichkeit, sich entweder vom Lebensbaum auf einen der farbigen Bereiche (beliebiger Sektor) zu bewegen, von einem Sektor in einen anderen im gleichen Farbbereich, zurück zum (bzw. auf) den Lebensbaum zu ziehen oder einfach da stehen zu bleiben, wo man ist. Beendet man seinen Zug auf dem Lebensbaum, erhält man zwei “Woodsprites” – die sind das “Zahlungsmittel” des Spiels.

Nun kann man entweder eine Karte vom Nachzugstapel ziehen oder sich in den Kampf mit einer RDA-Einheit stürzen, teilt man seinen aktuellen Aufenthaltsort mit mindestens einem solchen. Dafür gibt’s Kampfwürfel. Normalerweise würfelt man mit einem D6-Kampfwürfel. Der Kampf selbst ist simpel – würfelt man eine “Explosion”, hat man gewonnen, der RDA-Marker kommt zurück in den Vorrat und man darf sich einen Punkt gutschreiben. Würfelt man das “RDA-Symbol”, bekommt man auf seinem Feld Gesellschaft von einem zusätzlichen RDA-Marker. Würfelt man eins drei anderen Symbole, kommt’s darauf an… Diese Symbole repräsentieren “Waffen” wie z.B. Pfeil und Bogen, die man erst durch das Ausspielen einer entsprechenden “Power”-Karte (gegen Entgelt von Woodsprites) freischalten muss. Hat man das gewürfelte Symbol bereits ausgespielt in Kartenform vor sich liegen, zählt es wie eine Explosion als Kampfsieg, andernfalls wird der Fight als Unentschieden gewertet – der RDA-Marker bleibt dann liegen, man selbst erleidet aber (ein wenig unrealistisch, aber das Spiel richtet sich eher an den casual gamer als an den hit-point-zählenden Counterschubser) keinen Schaden und kann sich, so man will, in der nächsten Runde erneut versuchen.

Eytukan steht in einem Bereich, in dem alle Sektoren von einer RDA-Einheit besetzt sind (der D12 rechts verteilt die RDAs auf die Sektoren).

Eytukan steht in einem Bereich, in dem alle Sektoren von einer RDA-Einheit besetzt sind (der D12 rechts verteilt die RDAs auf die Sektoren).

Die nachziehbaren Karten, die keine Power-Karten sind, können Vorteile im Kampf bieten (z.B. erlauben, den zweiten Kampfwürfel hinzuzuziehen), RDA-Einheiten im aktuellen Sektor des Spielers direkt, also ohne Würfeleinsatz, besiegen, das Nachziehen weiterer Karten, Neuwürfeln des Kampfwürfels, Ziehen auf einen anderen Pandora-Farbsektor oder schlicht das Aufnehmen weiterer Woodsprites gestatten – gemeinhin kostet aber jede Aktion (bis auf das Aufnehmen der Woodsprites) “Geld”, d.h. eben Woodsprites, so dass man hin und wieder Züge damit verbringen muss, Geld zu verdienen, um Karten einsetzen zu können.

Dazu gibt es noch, wie schon versprochen, einen zweiten Kartensatz, die sogenannten “Avatar”-Karten. Von denen ist immer nur eine aufgedeckt und zeigt eine Mission an, die zu erfüllen ist, um einen zusätzlichen Siegpunkt zu erringen. Die Missionen sind leider nicht sehr einfallsreich – entweder muss man in einem bestimmten Sektor drei Woodsprites abgeben oder in einem bestimmten Sektor eine RDA-Einheit besiegen.

Das ist es dann auch schon – große taktische Tiefe sieht sicher anders aus und strategische Finesse wird dem erfahrenen Gamer nicht abverlangt, aber Spiele wie “Avatar” richten sich nun mal nicht speziell an den erprobten Hobby-Gamer (nicht, dass es nicht auch Lizenzspiele wie die “Game of Thrones”-Brett- bzw. Kartenspieladaptionen gibt, die auch höchsten spielerischen Anforderungen gerecht werden), sondern an “normale”, spielerisch eher unbeleckte Familien, die den Kids, die auf den Film standen, ein passendes Geschenk mitbringen möchten. Dafür funktioniert das Spiel erstaunlich gut – hat man sich mit dem knappen Regelwerk vertraut gemacht (und um Himmels Willen nicht die deutsche Übersetzung im multisprachigen Regelheft gelesen, sondern sich clever gleich an die amerikanische Originalanleitung gehalten) und die nicht völlig intuitive, aber mit Player Aid-Karten zumindest verständlich gemachte Piktogrammsprache der Karten gelernt, spielt sich die Nummer sehr angenehm und bringt tatsächlich die Stimmung des Films recht gut in die Brettspielwelt. Sicher – es liegt meistens auf der Hand, welche Aktion man vornehmen sollte und Glück beim Kartenziehen und Würfeln braucht’s auch, aber wenn sich an mehreren Stellen auf dem Spielplan RDA-Cluster bilden, die den Baum bedrohen, kommt tatsächlich Spannung und Drama auf; das ist das Schöne an einem Spiel, das zwar den Sieg eines einzelnen Spielers forciert, aber eine gemeinsame “Verlierer”-Bedingung bietet (es empfiehlt sich übrigens meines Erachtens, nicht den Regeln entsprechend auf “wenn der Baum vernichtet ist, gewinnt der Spieler mit den meisten Siegpunkten” zu spielen, sondern die semi-kooperative “dann verlieren alle gemeinsam”-Variante, wie oben schon vorgeschlagen); die Schlussphase kann wirklich im positiven Sinn hektisch werden und Druck aufbauen (manch einer verstieg sich schon zu “Pandemie-light”-Vergleichen – verzichtet man auf die Avatar-Karten und zählt die Siegpunkte nicht mit, ist auch probemlos eine full-coop-Variante spielbar. Man legt besiegte RDAs dann einfach nicht mehr zurück in den Vorrat, sondern nimmt sie ganz aus dem Spiel. Entweder vernichten die Menschen den Baum oder die Na’vi besiegen alle RDAs).

oben rechts eine Power-Karte, oben links eine reguläre Aktionskarte, unten eine Avatar-(Missions-)Karte.

oben rechts eine Power-Karte, oben links eine reguläre Aktionskarte, unten eine Avatar-(Missions-)Karte.

Und wenn alles andere scheitert – mein Gott, ist dieses Spiel *schön*. Dankenswerterweise wurde auf den billigen Trick, Filmfotos zur graphischen Gestaltung zu verwenden, verzichtet; statt dessen wunderschöne gezeichnete Landschaftspanoramen das Brett zieren. In Verbindung mit dem großen Papp-Baum (und den ebenfalls schönen Spieler-Markern) würde ich, hätte ich nicht Katzen, die nix besseres zu tun haben als alles abzuräumen, was irgendwo zu Dekozwecken rumsteht, das Spiel glatt als “coffee table game” aufstellen. Man erhält für den günstigen Preis jedenfalls bildschöne Komponenten.

Fazit: “Avatar” ist sicher nicht das Brettspiel, das man dem Gamer andient, der normalerweise “Arkham Horror” oder “Axis & Allies” spielt – ich hab allerdings erheblich schlechtere Lizenzspiele gesehen (und gespielt). Wer’s günstig sieht, sollte schon allein der wunderbaren Materalien wegen zuschlagen; und das Spiel ist auch nicht schlecht. Wie der Film mag es nicht übermäßig gehaltvoll sein, aber es tut das, was es tun will, auf angenehme, unterhaltsame Weise.

dice6dice2

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