The City

THE CITY
Autor: Tom Lehmann
Publisher: Amigo
2-5 Spieler, ca. 20 min, 7 €

The City - Die Box

The City – Die Box

Man kennt die Situation – man hat zum Spieleabend geladen, die ersten Gäste sind bereits in bester Zockerlauen eingetroffen, aber der ein oder andere lässt noch auf sich warten, hat sich erst mal auf der Toilette eingeschlossen oder braucht noch ‘ne Weile, um mit der Dame des Hauses den neuesten Tratsch auszutauschen. Was tun? Jetzt “Arkham Horror” aufbauen und schon mal anfangen, wäre unschicklich (auch wenn Zuspätkommer ja nun erst mal selbst dran schuld wären, wenn sie drei Stunden lang zukucken dürfen).

Hier schlägt die Stunde der “filler games”, der kleinen, schnell vorbereiteten und fix durchgezockten Spiele, die 15 oder 20 Minuten, wie die englische Bezeichnung schon verrät, “füllen” und von denen man zur Not auch mal zwei-drei Runden spielen kann, ohne dass sich jemand langweilt. Mittlerweile sind Spiele dieser Art soweit fortgeschritten, dass sie sich nicht mehr auf dem spielerischen Niveau eines Auto-Quartetts bewegen und auch erfahrene Gamer vor interessante Entscheidungen stellen können, auch weil Autoren erkannt haben, dass sie spannende Spielmechaniken, die für größere, längere Spiele entwickelt wurden, durch das Abhobeln “unnötigen” Zierrats zu einfachen, nichtsdestoweniger anregenden Kurzspielen umarbeiten können.

So bastelte Reiner Knizia, wie schon hier ausgeführt, aus dem “Keltis”-Brettspiel das “Keltis”-Kartenspiel, das meiner Meinung nach seinem großen Vorbild glatt überlegen ist, und Tom Lehmann seinerseits schliff einige Komplikationen und thematische Besonderheiten seines Hit-SF-Kartenspiels “Race for the Galaxy” ab und erhielt als Ergebnis “The City”, ein Spiel, das bei meinem letzten Spieleabend in der zwei Absätze oben geschilderten Situation zum Volltreffer avancierte.

Die Stadt entwickelt sich...

Die Stadt entwickelt sich…

In “The City” sind die Spieler Städtebauer und versuchen, aus ihren Handkarten eine möglichst einträgliche (sowohl was Einkommen als auch Siegpunkte angeht) City (ach) aufzubauen. Jede Karte entspricht dabei einem Gebäude und hat drei (naja, eigentlich vier) Werte – die Baukosten, die entrichtet werden müssen, um die Karte auszuspielen, das Einkommen, dass sie, sobald ausgespielt, dem Spieler in jeder Runde bringt, und die Siegpunkte (auf die’s letztlich ankommt, weil man derer 50 braucht, um das Spiel zu gewinnen). Bei weitem nicht alle Karten bringen Siegpunkte UND Einkommen – man muss also durchaus abstimmen, was man wann spielt, denn der casus knackus des Spiels ist: “Geld” entspricht “Karten”. Um ein Gebäude mit Baukosten von 2 zu errichten, muss man also zwei Karten (unabhängig von deren Werten zählt eine Karte als Zahlungsmittel *immer* 1) ablegen. Die einzige Chance, wieder an Karten zu kommen (und demzufolge überhaupt etwas bezahlen zu können), ist das Einkommen – jeder Einkommenspunkt erlaubt dem Spieler, vor seinem Zug eine Karte vom Nachzugstapel auf die Hand zu nehmen. Daraus folgt, dass man zu Spielbeginn darauf achten muss und wird, möglichst preiswerte Gebäude zu bauen und dabei nach Möglichkeit solche, die Einkommen bringen – denn die wirklich siegpunktwertigen Karten haben schon mal Baukosten von 11 oder 12. Da man mit mickrigen fünf Handkarten anfängt (die man sich wenigstens aus ursprünglich zugeteilten sieben aussuchen kann) und das mit dem Ausspielen des ersten Gebäudes schon mal unbefangen auf bestenfalls drei verbleibende Handkarten reduziert, liegt auf der, äh, Hand, dass man seine Ressourcen speziell zu Beginn sehr wählerisch und im Hinblick darauf, sich nicht frühzeitig zu lähmen, ausspielen sollte. Hat man sich dennoch in eine Sackgasse manöveriert und nur noch teuren Kram auf der Hand, den man sich nicht leisten kann, gibt das Spiel einen kleinen Rettungsanker – anstatt etwas zu bauen, darf man einmal im Spiel die Spezialkarte “Architekt” aufnehmen. Diese garantiert ein Einkommen pro Runde von 1, so dass man spätestens nach zwei-drei Runden wieder handlungsfähig ist. Ergattert man dazu noch die Karte “Baukolonne”, die es dem Spieler erlaubt, in einer Runde zwei Gebäude zu bauen (sofern keines mehr als 4 kostet), kann man zur gepflegten Aufholjagd schreiten.

Einige Gebäude näher betrachtet - man beachte die Symbole links im Bild-Teil, die z.B. im Verbund mit der mittleren Karte Boni bringen.

Einige Gebäude näher betrachtet – man beachte die Symbole links im Bild-Teil, die z.B. im Verbund mit der mittleren Karte Boni bringen.

Diverse Gebäude sind durch wechselseitige Abhängigkeiten geprägt – so kann man manche Karte nicht ausspielen, liegt nicht schon bereits eine thematisch naheliegende andere aus (so kann man z.B. ein Bürogebäude erst bauen, wenn man schon ein Hochhaus oder eine Wohnsiedlung errichtet hat), andere verbilligen den Bau anderer Gebäude (ein Forschungszentrum reduziert den Preis eines Technologieparks), wiederum andere bringen unter bestimmten Voraussetzungen und Kombinationen Bonus-Einkommen oder Bonus-Siegpunkte, manchmal sogar in Kombination mit den ausgespielten Karten der Mitspieler. Damit taktische Überlegungen allerdings nicht zu lange dauern oder von den Aktionen der Gegenspieler geprägt werden, werden die Karten simultan ausgespielt – willkommener Begleiteffekt ist eine enorme Beschleunigung des Gameplays; eine nicht zwingend notwendige, aber gut gelöste Maßnahme. Der zeitaufwendigste Teil einer Runde ist, da man sicherheitshalber stets die Kombo-Symbole, auch bei den Mitspielern, abzählen sollte,  tatsächlich das Scoring…

Der Architekt - Freund und Helfer in der Not.

Der Architekt – Freund und Helfer in der Not.

Das wirklich schöne an “The City” ist die Dynamik, die sich im Spielverlauf unweigerlich einstellt. Beginnt man am Anfang mit kleinen Zügen und geringer Kartenfluktuation, hantiert man in der Endphase mit enormen Kartenanzahlen – es ist absolut normal, in der Schlussphase vierzehn-fünfzehn Karten aufzunehmen und dann wieder zehn oder zwölf abzuwerfen. Das macht dann schon wirklich ‘ne Menge Fun, auch weil naturgemäß in den letzten Runden die Kombos immer wertvoller werden (vor allem die “Stadtvilla” erweist sich als eine Karte, die man, wenn’s hart auf hart kommt, sehr gut brauchen kann, vor allem in mehrfacher Ausfertigung…).

Auch wenn es keine Möglichkeit gibt, dem Gegenspieler direkt ins Handwerk zu pfuschen, sondern man “nur” mit Glück von seinen Bauten profitieren kann und die Interaktion damit gering ist, stört das aufgrund der enormen Geschwindigkeit und dem Umstand, dass man eh gleichzeitig amtiert, kaum – vor allem, wenn die diversen Kartenwechselwirkungen und Bonus-Kombinationen mal verinnerlicht sind, ist “The City” wahnsinnig schnell und kann bei geübten Spielern deutlich flotter als in den empfohlenen 20 Minuten abgerissen werden. Und das ist dann ohne Frage sehr sehr viel Spaß in sehr kurzer Zeit für sehr wenig Geld – ein idealer Einstieg in einen gepflegten Spieleabend (besonders unter den oben dargestellten Voraussetzungen).

“The City” ist ein Spiel, das ich mir ohne große Erwartungen zulegte – halt mit der Einstellung “wenn’s nix taugt, ist nicht viel Geld verloren”. Um so schöner, dass das Spiel sich als Glückstreffer herausstellte; ich empfehle uneingeschränkt weiter, es ist eines der gelungensten Auslege-/Ablagespiele, das ich kenne. Me likey!

dice6dice4

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