Qwirkle

QWIRKLE
Autorin: Susan McKinley Ross
Publisher. Schmidt Spiele
2-4 Spieler, 30-45 min, ca. 25 €

Qwirkle - die Big Box

Qwirkle – die Big Box

Die Spiel-des-Jahres-Jury und ich, wir haben ein ambivalentes Verhältnis (so ambivalent ein Verhältnis eben sein kann, wenn ein Teil der Gleichung keine Ahnung davon hat, dass ein Verhältnis besteht, ähm). Dieweil das erhabene Gremium zugegeben ab und zu mal richtige Treffer landet (“Siedler von Catan”, “Carcassonne”), darf man sich manchmal – bei aller angemessener Berücksichtigung der Tatsache, dass die Jury bewusst Spiele auszeichnet, die sich nicht primär an die Hardcore-“Twilight Imperium”-spiel-ich-nebenher-zum-Frühstück-Gamer richten – schon fragen, welch Kraut geraucht wurde, als die Entscheidung ausgewürfelt wurde. “Focus”, “Rummikub”, fuckin’ “Sagaland” (selbst als Kinderspiel die so ungefähr langweiligste Erfahrung, die man neben einer zehnstündigen Autofahrt als Steppke machen kann, da hilft auch nicht, dass es von Alex Randolph ist. Der hat auch nicht nur Hits gelandet)? Selbst “Scotland Yard” oder “Auf Achse” sind nicht unbedingt leuchtende Beispiele für ewige Wiederspielbarkeit… (aber die Jury zeichnete auch “Sherlock Holmes’ Criminal-Cabinet” aus, ein Detektivspiel in Buchform mit genau einem – in Worten: EINEM – Fall). Der Deutsche Spiele-Preis ist mir da schon sympathischer…

Will sagen, ob nun auf einer Spieleschachtel ein roter “Spiel-des-Jahres”-Pöppel prangt oder nicht, ist nicht unbedingt die ultima ratio hinsichtlich der Spielqualität, aber zumindest mal ansehen kann man sich den Kram ja mal (zumal die Jury in den letzten Jahren zweimal Donald X. Vaccarino und einmal Reiner Knizia ausgezeichnet hat, und das sind nun auch meiner Meinung nach nicht die letzten Nasenbären). “Qwirkle”, der 2011er-Preisträger, sprach mich aber nun wirklich lange nicht an – kann und wird wohl auch daran liegen, dass ich, wie erwähnt, nicht der Welt allergrößter Fan von völlig themenlosen abstrakten Spielen bin, ich habe halt gern einen Story-Hook, sonst kann ich gleich Canasta spielen… Aber das Weihnachtsgeschäft ist auch die Zeit der Sonder- und Comboangebote und wenn unter Abzug sämtlicher verfügbarer Rabatte die “Qwirkle Big Box” inklusive zweier Spielvarianten, die das gemeine Fußvolk erst irgendwann 2013 getrennt erwerben darf, auf deutlich unter 20 Euronen kommt, mein Gott, dann kann man das ja mal auf Verdacht mitnehmen…

Das Spiel nimmt Gestalt an.

Das Spiel nimmt Gestalt an.

Wenn man die Schachtel öffnet und die 108 Spielsteine aus ihrer Plastikfolienumhüllung befreit und in das mitgelieferte Stoffsäckchen befördert hat, kann’s dann auch gleich los gehen. Die Spielregeln sind extrem simpel, eigentlich gibt’s genau zwei. Jeder zieht sechs Steine blind aus dem Sack und versucht sie dann, in einer Art Scrabble-Ubongo-Domino-Rummikub-Simplifizierung ablagetechnisch loszuwerden. Steine dürfen nur Reihen in gleicher Farbe (sechs Farben gibt’s) oder mit dem gleichen Symbol (rein zufälligerweise gibt’s auch hiervon sechs) bilden, innerhalb einer Reihe darf das gleiche Symbol (in einer Farbreihe) bzw. die gleiche Farbe (in einer Symbolreihe) nur einmal vorkommen. Ein Stein muss mindestens an einer Seite (senkrecht/waagrecht) an einen anderen Stein angelegt werden, mit Glück und taktischem Feingefühl kann ein Stein, wenn die Bedingungen stimmen, auch in zwei Reihen eingepasst werden. Punkte gibt’s für jeden Stein in einer Reihe, an die man angelegt hat, eine vervollständigte Sechser-Reihe, ein “Qwirkle”, bringt 6 Bonuspunkte. Wer nicht anlegen kann oder will, kann einen oder mehrere Steine austauschen, am Ende seines Zuges hat man wieder sechs Steine auf der Hand. Wenn keine Steine mehr im Sack sind und der erste Spieler seinen Handvorrat ausgespielt hat, ist Ende, wer die meisten Punkte ergattert hat, ist der große Meister, Sieger und Beherrscher der Gläubigen.

Ein Kreis-Qwirkle ist gelungen!

Ein Kreis-Qwirkle ist gelungen!

Und das ist tatsächlich schon alles, was es in Punkto Regelwerk bei “Qwirkle” zu verinnerlichen gilt. Kompliment – ein Spiel zu entwickeln, das sicherlich keine Orgie der Komplexität ist, aber nun auch nicht gerade Mau-Mau, und das in maximal zwei Minuten erschöpfend (und auch für Noobs verständlich) erklärt werden kann, das verdient allerhöchste Anerkennung. Zumal das Spiel doch einiges an taktischen Möglichkeiten bietet – da beliebig viele Steine pro Zug angelegt werden können (jedoch nur an ein und dieselbe Reihe), es aber keine Verpflichtung gibt, alles, was man anliegen kann, auch auszuspielen, könnte man z.B. auf die Idee kommen, drei gleichartige Steine anstatt in einer Runde in drei Runden verteilt auszuspielen und so anstelle von 5 Punkten (zwei liegen aus, drei legt man dazu) 3 + 4 + 5 Punkte zu kassieren – was einem die werten Mitspieler natürlich versauen können. Es gilt freilich dem Gegner keine Vorlage für einen Qwirkle hinzulegen, da die Bonuspunkte spielentscheidend sein können. Und prinzipiell stellt sich die Frage, ob man sich damit zufrieden gibt, in jeder Runde ggf. klein zu punkten, oder vielleicht doch mal die Hand komplett wegwirft und sich neue Möglichkeiten verschafft, dickere Punkte einzustreichen. Mit etwas Nachzieh-Glück kann man zwei-drei Runden, die man freiwillig “aussetzt” punktemäßig durchaus aufholen.

Sicherlich – durch das permanente Stein-Nachziehen ist der Glückfaktor höher als es dem Fan eines abstrakten “total-information”-Strategiespiels herkömmlicher Lesart lieb sein dürfte, nichtsdestotrotz kann man ordentlich ins Grübeln kommen, natürlich insbesondere im fortgeschrittenen Spielstadium, wenn die Auslage doch unübersichtlich werden kann, gewisses visuelles Gespür von Nöten ist, um potentielle Ablageplätze ausfindig zu machen und einberechnet werden muss, ob die Steine, die für meinen großartig ausgearbeiteten Spezialplan gebraucht werden, überhaupt noch verfügbar sind (jeden Stein gibt’s nämlich genau dreimal und bei meinem typischen Glück ist der, den ich für einen eleganten Qwirkle bräuchte, von einem völlig inkompetenten Mitspieler [normalerweise mir zwei Züge vorher] in einer doofen Zweierreihe ohne Aussicht auf Punktemehrung verbraten worden) – Steine austauschen oder ausgelegte Reihen zerlegen und umbauen (wie’s bei “Rummikub” gang und gäbe ist und von manchen Spielern zur – unvollendeten – Kunstform erhoben wird) ist hier nämlich nicht; was liegt, das liegt.

Big-Box-Bonus-Content: Spielpläne für die Regelvarianten Select und Connect und Punktetafel

Big-Box-Bonus-Content: Spielpläne für die Regelvarianten Select und Connect und Punktetafel

“Qwirkle” ist keine Offenbarung – es ist das archetypische “nette” Spiel, mit einfachen, klaren Regeln, in das man schnell reinfindet und das sich dann auch ziemlich flott und reibungsfrei spielt. Aber ist das “Spiel des Jahres”-würdig? Persönlich finde ich nein – dafür ist “Qwirkle” geradezu aufdringlich unoriginell. Das System “gleiche Farbe/gleiches Symbol” ist das Grundprinzip von Rommé, das senk- und waagrechte Anlegen ist Domino, das man dabei auf Formen und Farben achten muss, kennt man zuletzt aus “Ubongo” und das Punktwertungssystem riecht nach “Scrabble”. Keine Frage – “Qwirkle” ist ein Spiel, das ich durchaus gerne und wieder spielen werde, aber was zum Geier ist daran preisverdächtig innovativ?

In der Big Box finden sich die zukünftigen Erweiterungen “Qwirkle Connect” und “Qwirkle Select”. Es handelt sich dabei, wie schon oben gesagt, weniger um Erweiterungen im Wortsinne denn um Regelvariationen. Beide neuen Versionen werden auf (kombinierbaren) Spielplänen gespielt und schieben einerseits das Spiel mit dem Gedanken, bestimmte Felder auf dem Spielplan durch Steinketten zu verbinden und/oder Bonusfelder zu erreichen, in die “Scrabble”-Ecke, andererseits ist in diesen Varianten taktischeres Spiel gefragt. Getrennt erhältlich ist “Qwirkle Cubes”, in dem man anstatt mit Steinen mit Spezialwürfeln spielt. Ob man’s haben muss? Ick weeß es nich.

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One response

  1. Rüdiger Böhm | Reply

    Kleiner Fehler: “Sherlock Holmes’ Criminal Cabinet” beinhaltet nicht 1 sondern 10 (in Worten ZEHN)! verschiedene Kriminalfälle. Es gibt aber eine Erweiterung die tatsächlich nur 1 (in Worten EINEN) großen Kriminalfall beinhaltet sowie eine Erweiterung die 5 (in Worten FÜNF) weitere Fälle beinhaltet. Ein wenig Recherche vorher z.B. auf der Internetseite der hier erwähnten “Spiel des Jahres”-Jury hätte hier Wunder gewirkt.

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