Aquarium

AQUARIUM
Autoren: Tim De Rycke, Sander Vernyns
Publisher: SandTimer
2-4 Spieler (Basisspiel), ca. 45 min, ca, 25 €

Aquarium - Die Box

Aquarium – Die Box

Durch die Blume erwähnte ich es schon – wer in Essen auf der SPIEL nur vom Pegasus- zum Queen-Games-Stand zockelt, vielleicht zwischendurch noch bei den Heidelbären vorbeikuckt und kuckt, welche Lizenz Kosmos gerade günstig eingekauft hat, verpasst einiges – in den hinteren Hallen, wo gleich neben den LARPern und den Hardcore-Wargamern die Independents sitzen, gibt es Entdeckungen zu machen. Nicht immer Entdeckungen, die man gleich freudestrahlend mit nach Hause nehmen will, aber oft eben solche, die sich vom Einerlei aus Eurogames und thematischem “Ameritrash” absetzen (oder sich zumindest abzusetzen versuchen) und wo es nicht Ausnahme und Zufall, sondern eher die Regel ist, dass der Designer selbst zur Einführung schreitet oder die Demopartie leitet (und in den meisten Fällen ist es dort auch einfacher, einen Tisch zu erhaschen, an dem man tatsächlich probe*spielen* kann und nicht nur als Spökenkieker einer wildfremden Runde über die Schulter kuckt, was die Damen und Herren da so zusammenspielen. Manchmal, wenn die Sprachbarriere dazwischenfunkt, kann das durchaus zu einem kleinen Abenteuer werden, aber Spaß macht’s meistens auch, selbst wenn man am Ende mit dem Spiel an sich nicht wirklich was anfangen kann.

Bei den netten Belgiern von SandTimer lief mir 2011 “Aquarium” über den Weg. Tim De Rycke und Sander Vernyns hatten ein paar Jahre zuvor mit “Experiment” auf sich aufmerksam gemacht (zu ihrem Pech in einer Phase, in der ich mit Spielen mangels Betätigungsmöglichkeit nicht wirklich was am Hut hatte) und das Kollege Nezold (hauptamtlich bei den nebenstehend verlinkten österreichischen Spieletestern unterwegs) recht knorke fand. Also sackten wir beide nach einer Demonstration das Komplettpaket “Aquarium” nebst Erweiterung und Promo-Karte ein und freuten uns unseres Lebens. Dass wir’s dann bei Probespielen auf zwei verschiedene Weise falsch spielen sollten, ist ja dann auch erst mal unser Problem…

Aquarium - Ein 3-Spieler-Spiel im Gange

Aquarium – Ein 3-Spieler-Spiel im Gange

Wenn man’s richtig spielt, stellt sich die Chose so dar: Die Spieler, 2 bis 4 im Grundspiel, bis zu 6, wenn man das Erweiterungspaket sein Eigen weiß, wetteifern darum, das prächtigste Aquarium (ach) aufzubauen. In ein Aquarium gehören, revolutionäre Erkenntnis voraus, primär Fische, und zwar bevorzugt solche, die nicht bei Edeka im Kühlregal liegen, sonden noch im Vollbesitz ihrer Kiemen und Schuppen sind und beim Zoohändler erworben werden. Und hier ist dann der Kasus Knacksus, der aus einem Hobby für einsame Menschen (hüstel) ein Gesellschaftsspiel macht. Der Spieler, der am Zug ist, darf entscheiden, ob er sich für die derzeit angebotenen Fische – in Form von Karten vom Fisch-Stapel – interessiert oder nicht. Reizt ihn das aktuell erhältliche Getier nicht, deckt er eine zusätzliche Fischkarte auf und übergibt (sich) an den nächsten Spieler, kassiert aber als Ausgleich für die Nichtaktivität noch Geld. Will er die Fische kaufen, tut er diese Kaufabsicht kund und bringt damit den Rest des Tisches ins Spiel. Die werten Mitspieler können nämlich nun über Aktionskarten zunächst das Angebot manipulieren (zusätzliche Fische in den Markt bringen, Fische vom Markt  entfernen, Fische vom Markt durch einen neuen Fisch vom Nachzugstapel oder aus seinem eigenen Aquarium ersetzen) Anschließend wird der Preis ausgedealt – ausgehend vom “Grundwert”, der auf der jeweiligen Karte angegeben ist, können die Mitspieler, wieder über Aktionskarten, den Preis erhöhen, senken, verdoppeln oder halbieren (und beim Halbieren beanspruchen, dass der Kaufpreis nicht an die Bank, sondern an sie geht, ggf., falls mehrere Spieler diese Aktion wählen, aufgeteilt). Erst jetzt, wenn Angebot und Preis endgültig feststehen, muss sich der aktive Spieler entscheiden, ob er wirklich kauft oder nicht – der Markt kann nur “ganz oder gar nicht” erworben werden. Sich also nur die Fische aussuchen, die einem für eine günstige Punktewertung passen oder die man sich monetär leisten kann, ist also nicht. Wichtig für die Mitspieler ist, dass ausgespielte Handkarten, es sei denn, sie entscheiden sich zu passen, also Angebot und Preis nicht zu beeinflussen, abgelegt werden müssen – man bekommt sie zwar im weiteren Spielverlauf zurück, aber bis dahin werden die taktischen Möglichkeiten immer weiter eingeschränkt. Nur aus Jux & Dollerei Karten einzusetzen, kann ergo zum erfolgreichen Knieschuss mutieren, Zurückhaltung allerdings dem Gegner buchstäblich in die Karten spielen.

Ein detaillierter Blick auf das Aquarium eines Spielers und seine ausgespielte Aktionskarte in der Markt-Manipulationsphase

Ein detaillierter Blick auf das Aquarium eines Spielers und seine ausgespielte Aktionskarte in der Markt-Manipulationsphase

Außer Fischen befinden sich im Markt auch Pflanzen – die sind wichtig für die Fütterungszeit. Drei- bzw. viermal im Spiel (je nach Spieleranzahl) muss das, was im Aquarium vor sich hin schwimmt, gefüttert werden. Futter kostet Geld und da der Preis zufällig bestimmt wird (durch Ziehen einer Futterpreiskarte), kann das richtig teuer werden. Pflanzen können einen Fisch “kostenlos” mit Nahrung versorgen und reduzieren daher die Futterrechnung (Siegpunkte bringen sie am Ende auch). Eine andere Möglichkeit ist es, zwei identische Fische (gleich groß und in der gleichen Farbe) in ein getrenntes “Zuchtbecken” zu versetzen – dort bringen sie zwar keine Punkte, aber durch ständige Vermehrung in jeder Runde bares Geld und, nicht zu unterschätzen, sie brauchen dort kein Futter… Kann man sich nicht für seine vollständige Aquariumsbelegschaft das Happa leisten,  müssen wohl oder übel einige den Weg durch die Toilette nehmen. Nach einer erfolgten Fütterung dürfen die Spieler ihre abgelegten Aktionskarten wieder aufnehmen und haben also wieder ihr volles taktisches Manipulationsarsenal auf der Hand.

Ein weiteres taktisches Element zum Geldgewinn ist, neben dem Zuchtbecken, der “Sparfisch”, der keine Siegpunkte bringt, gefüttert werden muss, dafür aber beim Passen mehr Geld in die Kasse spült, den man aber halt auch erst mal ergattern muss.

Auf diese Weise geht’s munter weiter bis zur letzten Fütterung, dann wird abgerechnet – wie so oft bringen die meisten Punkte den Sieg, doch zählen nicht nur die spezifischen Siegpunkte der jeweiligen Fische und Pflanzen, die man in seinem Aquarium hat, sondern auch, wie schon oben angedeutet, Kombinationen (Fische gleicher Größe oder gleicher Farbe), worauf man beim Einkauf also durchaus ein Auge haben sollte. Bei Punktegleichstand gewinnt der Spieler mit dem geringsten Bargeldbestand (es soll also augenscheinlich Aktivität belohnt werden). Mit einer “erst-mal-alles-kaufen”-Strategie kommt man allerdings trotzdem nicht weiter, weil Geld relativ spärlich fließt, dafür aber durch eine unerwartete Fütterungskarte um so schneller adieu sagt – und ist man erst mal pleite, wird’s leer im Goldfischglas. Es gilt also sorgfältig abzuwägen, wann man auf dem Markt zuschlägt, aber auch nicht so offen auf gewisse Fische zu spekulieren, dass die Gegner mit gezielten Verteuerungsmaßnahmen sabotieren können.

Die Futterpreiskarten und ein Blick auf die Aktionskarten zur Preismanipulation

Die Futterpreiskarten und ein Blick auf die Aktionskarten zur Preismanipulation

Dadurch, dass in jedem Zug *alle* Spieler involviert sind (und neben dem eigenen Aquarium, auch die der elenden Konkurrenz beobachten müssen, um die richtige taktische Maßnahme treffen zu können), kommt keine downtime auf.

Was für “Aquarium” unabdingbar ist, ist eine aktive Gruppe, also eine, die in den Manipulationsrunden nicht stur durch-“passt”, sondern die ihnen gegebenen Möglichkeiten kräftig ausnutzt; denn nur durch das Beeinflussen des Marktes und der Preise entwickelt sich in “Aquarium” ein notwendiger Randomisierungsfaktor, der über einfaches Haushalten mit dem Geld hinaus das simple Karten-Einsacken aufpeppt und erschwert – dem Gegner eine dringend gebrauchte Karte ins Unerschwingliche verteuern, weil man das Vieh im nächsten Zug vielleicht selbst haben will, nur um feststellen zu müssen, dass der nächste Mitspieler das Objekt der Begierde kurzerhand austauscht und man seine schöne Verteuerungskarte nun nutzlos verschwendet hat, das sind die Feinheiten, die aus einem sehr hübsch gestalteten, da witzig-cartoonig gezeichneten set-collection-Spiel ein munteres Hauen und Stechen machen. Natürlich hängt der Spaßfaktor beim Spieleabend grundsätzlich immer von der, sagen wir mal, “Mitspielfreundlichkeit” der Runde ab, aber bei Spielen, die primär davon leben, das die Interaktionsmöglichkeiten, die vom Spiel angeboten werden, genutzt werden, halt ganz besonders – reine “multiplayer solitaire”-Spezialisten, die gerne ungestört vor sich hin wurschteln, um am Ende “Erster!” rufen zu können, muss man für diese Sorte Spiel erst mal umschulen. Hat man das dann aber mal geschafft, kann “Aquarium” für ‘ne Menge Frohsinn sorgen.

Zu erwähnen wäre noch, dass “Aquarium” in der 2-Spieler-Variante ein wenig variiert werden muss – wo nur ein Mitspieler zur Verfügung steht, ist schwer vielfach zu manipulieren. Deswegen werden aus den nicht verwendeten Aktionskarten Stapel gebildet, von denen automatisch jeweils eine zufällige Aktion (eine Marktmanipulation, eine Preismanipulation) gezogen und ausgelöst wird. Die Essen-Promo-Erweiterung  “Regenbogenfisch” ist eine einfach zumischbare Zusatzkarte, die sowohl als Joker in Kombinationen als auch als Zuchtpartner für jeden beliebigen Fisch verwendbar ist.

Zusammengefasst – ich brauchte ein wenig, um mit “Aquarium” warm zu werden, was auch daran liegen kann, dass ich die ersten Partien (unnötigerweise, denn die Spielanleitung ist eigentlich eindeutig) hinsichtlich der Aktionskartenausspielung falsch spielte. Spielt man nach den korrekten Regeln und hat man langsam verinnerlicht, wie man sowohl als Aquariumsbesitzer als auch als Konkurrent taktisch vernünftig spielt, ist das Spiel tiefgründiger als das ein bisschen nach Kinderspiel aussehende Cartoon-Artwork vermuten lässt. Einen Minuspunkt, der bei einem Indie-Publisher aber nicht zu schwer gewichtet werden sollte, ist die Schachtelgröße – mit der 6-Spielererweiterung ist die kleine Schachtel schon übervoll…

dice6dice2

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