Turned

TURNED
Autoren: Rodrigo Paiva Inacio Lima, Martin Norris, Marcelo de Almeida Nunes, Luiz Carlos Vieria
Publisher: Runadrake
2-6 Spieler, 30-45 min, 27,50 €

Turned - Die Box

Turned – Die Box

Wiewohl Deutschland der Nabel der europäischen Brettspielwelt ist – das darf man bei aller angebrachten Bescheidenheit wohl ruhig sagen – ist auch der Rest des Kontinents in unterschiedlichem Maße nicht untätig. Eine ausgeprägte Spielekultur findet der geneigte Konsument in Skandinavien, im Benelux-Raum und seit einigen Jahren auch in der Tschechischen Republik oder in Russland, aber Portugal ist mir zumindest als Lieferant ernstzunehmender Brettspielware nicht wirklich aufgefallen. Aber alles ändert sich irgendwann mal…

Beim diesjährigen Essen-Besuch sackte ich nämlich nach einem Probespiel “Turned” ein, ein Spiel, das von einem portugiesischen Designerteam entwickelt wurde und das, um meine obligatorische Twilight-Creations-Referenz einzubauen (ich sollte mich langsam, aber sicher für ein lebenslanges Gratis-Spieleabo qualifizieren), ziemlich gut ins dortige Verlagsprogramm passen würde. Zombies! (Und kaum geschrieben, muss ich mich, transparent wie es sich für ein Qualitäts-Online-Medium gehört, korrigieren: “Turned” ist nicht portugiesisch, sondern brasilianisch! Samba!)

Ja, es ist wieder mal soweit, die Untoten machen die sprichwörtliche amerikanische Kleinstadt unsicher. 2 bis 6 Spieler haben sich in einem alten Haus verschanzt, aber nicht berücksichtigt, dass die lebenden Leichen das Gemäuer erfolgreich infiltriert haben. Glücklicherweise gibt es ein paar Möglichkeiten, das verrammelte Haus wieder zu verlassen, doch die dafür benötigten Werkzeuge muss man erst mal finden – und bei aller Sucherei nicht vom wilden Zombie gebissen werden. Soweit die Theorie – in der Praxis sieht das so aus: von neun möglichen Fluchtplänen werden einer weniger als Spieler mitmachen aufgedeckt. Jeder Fluchtplan besteht aus vier Gegenständen, die in einem bestimmten Raum des Hauses eingesetzt werden müssen, damit der Spieler entkommen kann. Die benötigten Gegenstände werden in den Räumen des Hauses gesucht. Es gibt “Chemikalien”, “Werkzeuge” und “Möbel”; in jedem Raum kann nur eine der drei Gegenstandsklassen gefunden werden. Der Spieler, der am Zug ist, kann vier Aktionspunkte verbraten – Zug von Raum zu Raum, Durchsuchen eines Raumes, ein zweites Mal den gleichen Raum durchsuchen, mit einem anderen Spieler im gleichen Raum Gegenstände tauschen oder Lärm machen (was, wie das Durchsuchen eines Raumes, die Zombies, die sich eventuell in einem benachbarten Raum befinden, anlockt). Darüber hinaus erlauben bestimmte Gegenstände Spezialaktionen (z.B. das Durchsuchen der Handkarten eines Gegenspielers und Klauen eines Gegenstands, den man brauchen kann). Wer aus einem Raum ziehen will, in dem sich Zombies befinden, muss pro Zombie einen zusätzlichen Aktionspunkt verbrauchen – kann oder will er dies nicht, wird er von Zombies angegriffen. Dies kann er mit Spezialaktionen verhindern oder er wird gebissen. Einmal gebissen, hat der Spieler nun vier Züge Zeit, einen der Fluchtpläne zu vervollständigen und in die Tat umzusetzen und das Spiel trotzdem noch zu gewinnen (wie die Spielanleitung launig ausführt, muss man halt dann damit fertig werden, dass man als Infektionsträger der Zombieplage nicht sonderlich populär sein wird).

Turned - Spielplan und Komponenten

Spielplan und Komponenten

Soweit, so nicht sonderlich aufregendes Sammel-Spiel – doch jetzt kommt das Gimmick des Spiels, das ihm auch den Namen gibt, zum Tragen. Im fünften Zug nach dem Biss “turned” der Spieler, d.h. er wird selbst zum Zombie. Er kann nun als Untoter weiterspielen, in eingeschränktem Maße andere (Nicht-Spieler-)Zombies kontrollieren und gewisse Aktionen der noch lebenden Spieler blockieren. Seine Aufgabe ist es nun natürlich, die Mitspieler zu infizieren. Gelingt es ihm, einen Mitspieler anzustecken (oder wird der auf herkömmliche Weise “gedreht”), arbeiten die Zombie-Spieler als Team weiter und können gemeinsam gewinnen, wenn es ihnen gelingt, auch noch den letzten Spieler (der dann alleiniger Loser ist) zum Zombie zu machen. Der Kniff, dass “Turned” auf halbem Weg in ein semi-kooperatives Szenario umschlagen kann (was um so wahrscheinlicher ist, je mehr Spieler am Start sind), macht einen Gutteil des Reizes des Spiels aus.

Die Aktionspunkte-Mechanik funktioniert ganz gut (wobei die doppelten Punktekosten für die zweite Suchaktion im gleichen Raum während des gleichen Zugs schon ordentlich ins Kontor schlagen. Das wird man wohl clevererweise primär dann nutzen, wenn man bereits infiziert wurde und Zombieattacken nicht mehr zu fürchten braucht) – was nicht heißt, dass man das Gameplay nicht noch verbessern könnte. Solange kein Spieler zum  Zombie wurde, erschöpft sich selbiges nämlich auf recht trockenes Kartenziehen in der Hoffnung, eine der brauchbaren Fluchtplan-Kombinationen und ggf. ‘ne Waffe zu finden und dabei keinem Zombie über den Weg zu laufen. Eine Verbesserung, die ich in einem kurzen Mailaustausch mit den Designern vorschlug, wird wohl bereits für eine neue Aufgabe implementiert: anstelle der Einheits-Charaktere, die derzeit das Spiel bevölkern, arbeiten die Autoren an Figuren, die auf Zombiefilm-Stereotypen basieren und leicht unterschiedliche Fähigkeiten haben (z.B. mehr Aktionspunkte, dafür aber Handkartenlimit). Persönlich würde mir noch gefallen, wenn man ein “Combat”-System einbaut, um sich gegen die Zombies effektiv wehren zu können. Derzeit hat man nur die Chance, mit einer speziellen Kartenfähigkeit eine Attacke abwehren zu können, von denen aber nur eine einzige Karte im Deck tatsächlich Zombies *besiegen* kann (der Rest der Abwehrkarten verhindert nur den konkreten Angriff, lässt den Zombie aber im Spiel). Umgekehrt natürlich sollte auch ein zombifizierter Spieler die die Option haben, einen Angriff auf einen lebenden Spieler verlieren zu können. Eine weitere Idee wäre es, wenn es unter den Gegenständen auch einen Schwung Nieten gäbe – also Suchfehlschläge oder Werkzeuge, die schlicht keinen praktischen Nutzwert haben; das würde die Spieler dazu anhalten, höheres Risiko zu gehen und öfter mal die “zweite Suche”-Aktion zu nutzen. Die Garantie, bei jeder Suche etwas zu finden, das auf irgendeine Weise brauchbar ist, nimmt ein wenig den Druck, den ein Survival-Horror-Spiel schon aufbauen sollte. Bis eine überarbeitete Version erscheint, bietet es sich an, mit Hausregeln zu arbeiten.

Turned - Spielmaterialien

Equipment-Tiles und ein Zombie-Token

Verbesserungsfähig sind die Komponenten – was aber bei einem *verdammt* unabhängig veröffentlichten Spiel sicher aus Kostengründen verständlich ist. Für einen richtigen kommerziellen Release wünsche ich mir einen größeren Spielplan, dreidimensionale Spielfiguren anstelle von winzigen Papp-Token und für die sammelbaren Ausrüstungsteile richtige *Karten* anstelle der quadratischen Pappdinger, die nicht immer auf Anhieb intuitiv erkennen lassen, was für eine Art Equipment man da grade gezogen hat (dass die Teile nur portugiesisch beschriftet sind, ist nicht so schlimm – man orientiert sich ja doch primär an den Symbolen) – und sich vor allen Dingen nicht wirklich gut mischen lassen. Auch auf den Fluchtplänen, die zumindest im üblichen Kartenformat ausgelegt werden können, dürften die zu sammelnden Symbole ruhig ‘ne Ecke größer abgebildet sein, die muss schließlich jeder Spieler am Tisch gut einsehen können. Das Artwork ist anständig für ‘nen Indie-Release, müsste aber sicherlich noch aufgepeppt werden, wenn das Spiel im Konzert der großen Verlage mitspielen will. Die Spielregeln – nicht immer ganz günstig strukturiert, aber verständlich – liegen in englischer Sprache vor.

Insgesamt ist “Turned” sicher noch nicht der Weisheit letzter Schluss – etwas mehr Playtesting und ein paar Tweaks an Gameplay und Regeln, und es könnte was draus werden, denn eine patente Spielidee steckt in der Chose. Ein Spiel, das von einem klassischen “jeder-gegen-jeden”-Motiv über ein “allein-gegen-viele” und Semi-Coop zum “alle-gegen-einen” mutieren kann, ist mir in dieser Konsequenz noch nicht untergekommen. Auf dem Konstrukt kann man aufbauen – spielbar ist’s auch in der vorliegenden Form, aber Optimierungspotential, um “Turned” zu einem richtigen Reißer zu machen, ist allemal vorhanden.

Kaufen kann man die Nummer beim Publisher: http://runadrake.com/wordpress

dice6dice1

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