Easter Island

EASTER ISLAND
Autoren: Roberto Fraga, Odet L’Homer
Publisher: Twilight Creations Inc.
2 Spieler, ca. 30-60 min Spielzeit, ca. 15 €

Easter Island - Die Box

Easter Island – Die Box

Huch – ein Twilight-Creations-Spiel ohne Horror-Thema? Wie konnte das passieren? Wer hat da nicht aufgepasst? Nun, zumindest ist das Thema phantastisch angehaucht, befasst es sich doch mit den gigantischen Steinköpfen, die, wie sicherlich jeder weiß, die Gefilde der Osterinsel zieren und die die Fantasie von Pseudowissenschaftlern seit Jahrzehnten beschäftigen…

So, wie es das Spiel der französischen Designer Odet L’Homer (“Ruhmreiche Ritter”) und Roberto Fraga (bekannt vor allem für seine Kinderspiele wie “Eiertanz” oder “Affentanz” für HABA), postuliert, wurden die Moai-Statuen, deren Sinn und Zweck auch bei seriösen Wissenschaftlern durchaus heute noch umstritten ist, von zwei Zauberern als Spielfiguren in einem inselweiten “Brett”-Spiel benutzt, und als Spieler ist es nun unser Plaisir, dieses Spiel nachzuvollziehen.

Easter Island - Das Spielmaterial

Das Spielmaterial – Spielplan, Figuren, Token

Das Ziel ist einfach – alle Moai des Gegenspielers vom Brett fegen. Der Weg dahin ist allerdings durchaus steinig und verlangt den Einsatz einer ordentlichen Fuhre Hirnschmalzes. Die Spieler stellen zunächst abwechselnd jeweils vier Moai auf das Gitternetz, das auf dem Spielplan die (mit der realen Insel nicht wirklich Ähnlichkeit aufweisende…) Osterinsel überzieht, wobei die Köpfe an den Gitternetzlinien ausgerichtet werden müssen. Nach dieser Grundaufstellung hat der aktive Spieler in seinem Zug folgende Möglichkeiten:
– einen weiteren Moai aufs Feld bringen (was man im Hinterkopf behalten sollte, da man automatisch verloren hat, wenn man keinen Moai mehr auf dem Feld hat, egal, ob und wie viele man noch nicht mal eingesetzt hat)
– einen Moai um 90 oder 180 Grad drehen
– einen Moai beliebig weit (ohne andere Köpfe zu überspringen) vorwärts, rückwärts oder seitwärts auf einer der Gitternetzlinien weiterbewegen
– einen Sonnen-Marker verdeckt auf einen der ausgewiesenen Punkte auf dem das Gitternetz umspannenden Kreis legen oder
– einen ausgelegten (eigenen) Sonnen-Marker aufdecken.

Und da liegt der Hase im Pfeffer bzw. der Moai im Fregattvogelguano. Zerstört werden können die Statuen nämlich nur per “Sonnenstrahl”. Ein solcher wird ausgeschickt, wenn ein Spieler einen der eigenen Sonnen-Marker aufdeckt. Statuen, die frontal oder von hinten  vom Strahl getroffen werden, sind vernichtet und werden entfernt, trifft man die Statue hingegen seitlich, reflektiert sie den Strahl “durch die Augen” im 90-Grad-Winkel weiter. Die letzte Statue, die von einem Strahl getroffen wird, ist automatisch vernichtet, auch wenn sie von der Seite getroffen wird, und der Moai-Kopf, der zum zweiten Mal vom gleichen Strahl berührt wird, geht zur Vermeidung einer Endlosschleife auch hops. Die Spieltaktik dürfte damit klar sein – eine möglichst “strahlfreundliche” Verteilung der eigenen Moais, um möglichst günstige “Schussketten” zu bilden – auch unter Einbeziehung gegnerischer Köpfe – um schlussendlich einen Gegner-Moai vom Brett zu pusten. Der Kniff mit der 90-Grad-Reflektion ist dabei eine böse Falle – wer mit dem räumlichen Vorstellungsvermögen seine liebe Not hat oder einfach mal nicht genau hinkuckt, begeht schon mal sehenden Auges Selbstmord, weil der angepeilte Moai nun doch nicht *so* dasteht, wie man sich das in seinem so schön formulierten Plan zurechtgelegt hat. Geschicktes Platzieren von Sonnen-Markern (die übrigens nicht bewegt werden dürfen und auch nach ihrem einzigen Schuss auf ihrer Position verbleiben, womit die freien Schussbahnen im Spielverlauf immer rarer werden) und Verschieben/Neusetzen von Moais kann den Gegner in zwickmühleartige Situationen bringen.
Wie üblich stellt sich die Frage der richtigen Taktik – legt man es auf frühe Abschüsse an, um den Gegner dazu zu zwingen, schnell seine zusätzlichen Moais aufs Brett zu bringen, belegt man vorrangig günstige Schusspositionen für spätere Verwendung, oder stellt man am Ende selbst so schnell wie möglich seine Moai auf, um dem Gegner die Zugmöglichkeiten zu beschränken? Für ein kleines Spiel ohne große Online-Lobby verbirgt sich erstaunlich viel Tiefgang und Hirnmarterpotential in “Easter Island” – das schon erwähnte räumliche Vorstellungsvermögen ist ebenso gefragt wie das Erkennen von mühleartigen Situationen und beinahe schon schachähnliches Zugvorplanen. Allerdings bringt das auch die Nachteile von altbewährten Klassikern wie eben Mühle mit sich – das “Endspiel” kann sich durchaus, vor allem bei ungefähr gleich starken Spielern, in die Länge ziehen, weil beide Spieler irgendwann einmal ihre taktischen Möglichkeiten erschöpft haben (also alle Moai ins Spiel gebracht und alle Sonnenmarker gelegt sind) und das Warten auf den ersten Fehler beginnt. Etwaiges Elend wird aber dadurch abgekürzt, dass mit dem Aufdecken des letzten Sonnen-Markers und dem damit folgenden letzten “Schuss” das Spiel endet – gewertet wird im Falle des nicht totalen Sieges einer Partei  die Anzahl der Moai, die die Spieler auf dem Plan haben oder es wird, bei Moai-Gleichstand, der, der zuletzt eine Statue auf den Plan gesetzt hat, zum Sieger erklärt

Easter Island - Moai und Marker

Ein Moai und ein Sonnen-Marker

“Easter Island” funktioniert dabei sowohl als tiefschürfende Denksportaufgabe (wer will und seinen Spielplan beschriftet, kann ohne große Mühe eine Notation entwickeln und sich vielleicht sogar “Schachaufgaben” stellen) oder als “Blitzspiel” (auch eine Schachuhr kann man selbstverständlich hinzuziehen, falls “analysis paralysis” befürchtet wird) – im letzteren Fall wird man zwangsläufig Fehler machen, die dann tatsächlich das Spiel soweit beschleunigen, dass die empfohlene 30-Minuten-Spielzeit erreicht wird. Grüblerische Spieler können eine Partie sicherlich auf nahezu unbegrenzte Zeit aufblähen.

Das Spielmaterial ist hübsch – das Artwork der Box ist gefällig, die unter das Raster des Spielplans gelegte “Insel” hat zwar, wie gesagt, mit der Geographie der realen Osterinsel unwesentlich mehr zu tun als dieser Text mit einem vernünftigen Lektorat, aber sie erfüllt ihren dekorativen Zweck, die Plastik-Moai (in grau und schwarz) sind chic, einzig die Sonnenmarker hätten durchaus auch aus Plastik denn aus schlichter Pappe sein können. Die Spielregel ist, wie bei Twilight Creations Sitte, kurz und knackig, aber auch das knappe Regelwerk erschöpfend abhandelnd.

Fazit: ein überraschend kniffliges 2-Spieler-Strategiestück, das man, gerade weil es doch erstaunlich “kopflastig” (und das nicht nur des Themas wegen…) ausgefallen ist, vielleicht nicht jede Woche für den Spieleabend mit der signifikanten besseren Hälfte aus dem Regal ziehen wird (für flockig-leichte Spieleberieselung empfehle ich dann doch eher “Carcassonne”), aber keinesfalls enttäuscht – viel Denksport für vergleichsweise kleines Geld und im Horror-lastigen Ouevre von Twilight Creations eine spannende Ausnahmeerscheinung…

dice6dice2

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: